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Bildung, Aufklärung, Empathie

Zentralratschef der Juden besucht Döbelner Gymnasium

Das Döbelner Lessing-Gymnasium feiert in diesem Jahr 150-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass besuchte nun Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, um mit Schülern, Eltern und Lehrern zu diskutieren. In Zentrum seiner Ansprache stellte er das Thema Toleranz.

Dr. Josef Schuster (vorn r.), Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, diskutierte am Mittwoch mit Schülern am Döbelner Lessing-Gymnasium. Quelle: Thomas Sparrer

Prominente Besucher hat sich das Lessing-Gymnasium im Rahmen seiner Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag der Schule eingeladen. Am Mittwochabend war Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Gast in der Aula des Gymnasiums. Nach seinem Vortrag diskutierte er mit Schülern, Eltern und Lehrern.

Dass der oberste Vertreter von 105 jüdischen Gemeinden in Deutschland mit knapp 100.000 Mitgliedern das Döbelner Lessing-Gymnasium besucht, hat nicht nur mit dem Jubiläum zu tun. „Es gibt in Deutschland nicht sehr viele Schulen, die 150 Jahre bestehen. Das ist eine stolze Zahl und eine lange Tradition“, sagte er, um später auf eine Besonderheit der Schule genauer einzugehen. Denn seit über 20 Jahren wird am Döbelner Gymnasium jüdische Kultur und Geschichte in einem Wahlgrundkurs vermittelt. Und weil das Abitur auf das Studium vorbereiten soll, müssen künftige Studenten auch Methoden erlernen, sich Wissen anzueignen.

Deshalb hatte sich der 1998 gestartete Wahlgrundkurs als Forschungsgegenstand die „Geschichte der Döbelner Juden im 20. Jahrhundert“ ausgesucht. Josef Schuster nahm mit Begeisterung zur Kenntnis, dass die Schicksale Döbelner Juden in der NS-Zeit dank der Gymnasiasten gut erforscht und dokumentiert sind. „Nicht nur das Schicksal dieser jüdischen Familien aus Döbeln hat mich bewegt. Mich hat es vor allem bewegt zu sehen, wie es Ihnen hier am Lessing-Gymnasium offensichtlich gelingt, jungen Menschen ein großes Wissen über die deutsche Vergangenheit und Empathie mit den Opfern zu vermitteln. Das ist nicht der Normalfall, nicht der Durchschnitt. Das ist etwas ganz Besonderes“, so Schuster.

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, bei seinem Vortrag in der Aula des Döbelner Lessing-Gymnasium. Quelle: Thomas Sparrer

Doch an einem Gymnasium, das den Namen des großen deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing trägt, ist es naheliegend, über das Thema Toleranz zu sprechen. Schuster ging im Weiteren auf aktuelle Entwicklungen in Deutschland ein, darauf, dass es Bewegungen gibt, die den Geist der Aufklärung des christlich-jüdischen Abendlandes negieren, um für ein ethnisch homogenes Deutschland, für die Ausgrenzung bestimmter Gruppen zu werben. Ob es Rechtsextreme seien, die gegen Ausländer hetzen, oder Islamisten, die den westlichen Lebensstil verteufeln – sie alle erklären Menschen, die sie gewinnen wollen, zu Opfern, die ungerecht behandelt wurden. Und dann folgen bei den Extremisten meist sehr simple Rezepte. „Diese Extremisten waren schon immer gefährlich. Doch inzwischen haben jene auf der rechten Seite Verbindungen in alle Landesparlamente und den Bundestag: Die Überschneidungen zwischen rechtsextremen Parteien und rechtsextremen Denkschulen mit der AfD sind groß.“

Die Tatsache, dass sehr viele Bürger nur sehr wenig über Islam und Judentum wissen, dass sich viele Bürger ungern mit dem Nationalsozialismus befassen, dass sie Angst vor Globalisierung und Digitalisierung haben, spielte den rechten Kräften in die Hände. Bildung und Aufklärung seien für ihn die wichtigsten Instrumente, diesem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen. Da leiste das Döbelner Gymnasium Bedeutendes. „Ihre Schüler werden nicht überrascht aufschauen, wenn sie hören, dass übernächstes Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert wird. Ihre Schüler werden nicht die seltsame Unterscheidung zwischen Deutschen und Juden machen und sie werden die Zahl der Juden in Deutschland auch nicht auf mehrere Millionen schätzen.“ Künftig müsse an deutschen Schulen noch viel breiter als bislang jüdische Religion, Kultur und Geschichte vermittelt werden. Auch die Empathie mit den Opfern der Shoah sei ein Schlüssel gegen Intoleranz, wie sie von Rechten und oft von Muslimen ausgehe. Deshalb strebe er einen jüdisch-muslimischen Dialog an.

Hauptberuflich arbeitet der 65-Jährige als Arzt mit eigener internistischer Praxis in Würzburg. Präsident des Zentralrates der Juden ist er im Ehrenamt.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
14.06.2019