05.12. Im Land der Schokolade und Sicherheit

Irene aus Bolivien, Elena und Camilla aus El Salvador haben drei Monate in Deutschland gelebt. Nicht in einer der hippen Großstädte wie Berlin, München oder Hamburg, sondern im beschaulichen Döbeln in der sächsischen Provinz.
Sie haben bei deutschen Familien gewohnt und sind mit deutschen Mitschülern auf das Lessing-Gymnasium gegangen. Wenn man sie fragt, was ihnen an Deutschland am besten gefallen hat, da kommen Schokolade und Gummikonfekt ins Spiel, von denen Elena einen ganzen Koffer mitnehmen will. Irene aus Bolivien gibt eine Antwort, die nachdenklich stimmt. „Ich kann mich in Deutschland frei bewegen und reisen. Das macht man in Bolivien nicht", sagt die 16-Jährige. Der Grund ist die extrem schlechte Sicherheitslage in dem Land. Die Schülerin wird mit dem Auto zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Nachts auf die Straße - unmöglich. Bus oder Bahn benutzen - viel zu gefährlich. In Deutschland war die Schülerin mit der Bahn in Köln und Düsseldorf und hat dort einige junge Leute aus ihrer Klasse besucht. Camila pflichtet ihr bei. „Man kann in Döbeln einfach auf der Straße laufen. Wenn ich Sofia besuche, dann fühle ich mich 30 Minuten frei." El Salvador, ihr Heimatland, ist das Land mit der höchsten Rate an Totungsdelikten weltweit.

Einmalum den halben Globus: Camilla (v.r.), Irene und Elena haben drei Monate in Döbeln gelebt. Foto:Jens Hoyer

In wenigen Tagen werden Sofia und Kamila dorthin zurückkehren. Weihnachten feiern sie schon wieder mit ihren Familien. Sie haben viel gesehen in den drei Monaten. Sie waren in vielen Großstädten, haben König Ludwigs Schloss Neuschwanstein und Prag gesehen - ein ganzes Reiseprogramm hatte die Gastfamilie zusammengestellt. „Damit sie Schnee sehen, sind wir in den Herbstferien nach Südtirol auf einen Gletscher gefahren", sagte Gastmutter Jolanda Dathe.
Die Welt ist bekanntlich ein Dorf und so war auch der Kontakt zur Gastfamilie auf denkbar einfachste Weise zustande gekommen: Jolanda Dathe, die aus Kuba stammt, ist mit der Tante der Gasttochter Camila befreundet. Deren Schulfreundin kam bei einer anderen Familie in Döbeln unter. Irene wohnt bei einer Familie in Zschaitz. „Mein Bruder war vor zehn Jahren dort und es gab immer Kontakt", erzählt sie. Die Sprache ist für die drei kein Problem. „Ich lerne Deutsch seit dem Kindergarten", sagt Elena aus El Salvador. Sie besucht mit ihrer Freundin eine deutsche Schule und war in der 6. Klasse schon zu einem Besuch in Lüneburg. Nach drei Monaten Döbeln erwischen sich die beiden, dass sich immer wieder deutsche Worte in ihre spanischen Gespräche einschmuggeln.
Auch Irene geht in Santa Cruz auf eine deutsche Privatschule. „Die hat ein besonders hohes Niveau. Meine ganze Familie ist dort zur Schule gegangen", erzählt sie. Auch sie hat „Deutschlanderfahrung". Vor zwei Jahren war sie in Thüringen. Sie wird Weihnachten noch in Döbeln verbringen und im Januar mit Klassenkameraden durch Europa reisen.
Camila könnte sich vorstellen nach Deutschland zurückzukommen und hier zu studieren - vielleicht in Dresden. Was, das weiß sie noch nicht Sie interessiert sich für Medizin, Architektur, Mathe und Kunst. Elena will mal irgendetwas mit „Business" machen. „Ich habe ein paar Freunde, die hier studieren", meint Irene, für die Deutschland zum Studieren zu weit von zu Hause entfernt ist.
Ihr Deutsch haben die drei in den vergangenen Wochen ordentlich verbessern können. Und auch sonst hat es ihnen gefallen. „In der 9. Klasse waren wirklich alle sehr nett", meint Sofia. Was ihnen an Deutschland nicht gefällt, darüber sind sich die drei jungen Damen auch ziemlich einig: das kalte Wetter. In El Salvador ist es nie kälter als zehn Grad.

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
05.12.2019


„Man kann sich frei bewegen“

Camilla, Irene und Elena lebten als Gastschülerinnen aus Südamerika für drei Monate in Döbeln und lernten die Sicherheit hierzulande schätzen.

Das einzige, was diesen drei jungen Frauen an Deutschland nicht so gut gefallen hat, war die Kälte. „Bei uns zu Hause ist es nie kälter als zehn Grad“, sagen Elena und Camilla aus El Salvador. Irene aus Bolivien bestätigt das. Die letzten drei Monate haben die drei 16-jährigen Mädchen aus Südamerika als Gastschülerinnen die neunte Klasse des Lessing-Gymnasiums in Döbeln besucht. Sie wohnten bei Gastfamilien, lernten auf unzähligen Familienausflügen Land und Leute kennen und Döbeln lieben.

Vor allem aber lernten die jungen Frauen in Deutschland eines zu schätzen: „Man kann sich hier frei bewegen. Deutschland ist ein sicheres Land“, sind sich die Mädchen einig. Man kann in Döbeln einfach auf der Straße laufen. „Ich konnte Sofia zu Fuß besuchen und die 30 Minuten Fußweg frei sein“, sagt Camilla. Zuhause in El Salvador wäre das undenkbar. Die Kriminalitäts- und Gewaltrate in dem südamerikanischen Land ist sehr hoch. Hierbei geht die größte Gefahr im Land von rivalisierenden Jugendbanden aus. Deshalb werden Elena und Camilla zuhause nur im Auto der Eltern kutschiert. Spaziergänge allein sind seltener Luxus. Auch in Irenes Heimat Bolivien ist die Kriminalitätsrate sehr hoch. Die drei Mädchen besuchen in ihrer Heimat deutsche Schulen und lernen seit dem Kindergartenalter die deutsche Sprache.

Gastmutter Jolanda Dathe mit Camilla aus El Salvador, Schulleiter Michael Höhme, Irene aus Bolivien und Elena aus El Salvador (v.l.) Foto: Bartsch

Irene besucht im bolivianischen Santa Cruz eine deutsche Privatschule. Aufenthalte im Ausland gehören zum Schulalltag. So war Irene schon vor zwei Jahren in Thüringen. Diesmal ist sie bei Familie Prilop in Zschaitz zuhause. Dort war vor zehn Jahren ihr Bruder während seines Aufenthaltes untergebracht. Seither halten beide Familien Kontakt.

Ähnlich ist es bei Elena und Camilla. Jolanda Dathe, die Döbelner Gastmutter, ist mit Camillas Tante in El Salvador befreundet. Jolanda Dathe ist gebürtige Kubanerin, spricht fliesend spanisch und hat viele Kontakte in alle Welt und nach Südamerika. Damit auch Camillas Freundin Sofia ihren Aufenthalt in Deutschland mit ihr in Döbeln verbringen konnte, nutzte Jolanda Dathe ihre hiesigen Kontakte. Elena zog für drei Monate bei Matthias Clausner und Manuela Lucie ein. Bevor Camilla und Elena am vergangenen Wochenende wieder in ihre Heimat flogen, absolvierten sie neben der Schule mit ihren Gastfamilien ein umfangreiches Ausflugsprogramm. Berlin, Leipzig, München, Schloss Neuschwanstein, Erfurt und Prag haben sie gesehen und Schnee im November auf dem Gletscher in Südtirol. Auch Irene kam viel rum in Deutschland. Sie war in Berlin, Köln und besuchte in Düsseldorf einige ihrer Klassenkameraden. Ihr Aufenthalt in Döbeln und bei den Gasteltern in Zschaitz geht noch über Weihnachten. Im Januar wird sie mit ihren Klassenkameraden durch Europa reisen, bevor sie zurück nach Bolivien fliegt.

Camilla und Elena aus El Salvador könnten sich vorstellen, später nach Deutschland zum Studieren zurückzukehren. Medizin, Architektur oder Mathematik sind für Camila als Studienfächer interessant. Elena könnte sich für Wirtschaftswissenschaften begeistern. Irene aus Bolivien denkt da eher an Heimweh: „Deutschland ist für mich zum Studieren zu weit weg von zuhause.“

Schulleiter Michael Höhme und Fachlehrerin Bärbel Kampe haben am Lessing-Gymnasium bisher immer gute Erfahrungen mit den Gastschülern aus aller Welt gemacht. Die drei Mädchen waren auf drei neunte Klassen verteilt und gut im Unterricht integriert. Selbst an der Tanzstunde nahmen sie teil. Passend zum Namensgeber des Gymnasiums lasen sie im Deutschunterricht Lessings Ringparabel und schrieben einen Aufsatz darüber. So gab es als Abschiedsgeschenk auch „Nathan der Weise“ als Erinnerung in Buchform und einen USB-Stick mit dem Wappen des Gymnasiums. Lehrerin Bärbel Kampe zeigte sich auch weiterhin offen für den Austausch mit Südamerika: „Camilla hat noch eine kleine Schwester in der siebenten Klasse. Vielleicht sehen wir sie in zwei Jahren bei uns an der Schule.“

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
10.12.2019