19.05. Am roten Teppich von Cannes
Fünf Schülerinnen des Lessing-Gymnasiums waren bei den Filmfestspielen dabei.
In den vergangenen Tagen haben sie erlebt, was sonst nur Prominenten aus Film und Fernsehen vorbehalten ist. Fünf Schülerinnen des Lessing-Gymnasiums Döbeln sind bei den Filmfestspielen in Cannes über den roten Teppich gelaufen, haben mit Regisseuren geplaudert, noch unveröffentlichte Filme gesehen und Kritiken geschrieben.
Möglich wurde das durch das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW). Das hatte insgesamt 20 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland nach Frankreich eingeladen. Dabei hatten Raluca Cojocaru, Milena Schroth, Jessica Voigt, Luana Schulze und Florentine Bley mit 1200 Kilometern die weiteste Anreise. Für diese Strecke mussten die 16- und 17-Jährigen, die im Gymnasium den Französisch-Grundkurs belegen, zweimal in den Zug steigen, um nach Berlin und Cannes zu gelangen. Zwischen beiden Fahrten lag der Flug von Berlin nach Nizza.
Zwei Länder, zwei Sprachen, viele Filme. Alle Teilnehmer des Projektes einte ein Ziel: den kritischen Blick für Kino und Gesellschaft zu schärfen. „In einer Zeit, in der Bilder und Informationen allgegenwärtig sind, ist Medienkompetenz eine Schlüsselqualifikation“, sagte Michele Manca, der bei dem Projekt für die Pressearbeit verantwortlich ist.
Die Auseinandersetzung mit Filmen ermögliche es den Teilnehmern, visuelle und narrative Strategien zu erkennen, zu hinterfragen und einzuordnen. „Im Austausch über ihre Eindrücke und Perspektiven entdecken sie die Vielfalt kultureller Sichtweisen im deutsch-französischen Dialog“, so Manca.
Ein solcher Austausch sei für viele der Jugendlichen nicht nur eine Premiere, sondern auch eine erste unmittelbare Erfahrung mit der Welt des Kinos. „Diese Workshops ermutigen die Teilnehmer, sich eine eigene Meinung zu bilden, um am öffentlichen Diskurs teilzunehmen“, so der DFJW-Generalsekretär Tobias Bütow.
In Cannes haben sich die fünf Elftklässlerinnen aus Döbeln mit Schülern aus Worms, der Normandie und der Region Bourgogne-Franche-Comté getroffen. Durch Sprachanimationen wurden sie einander vorgestellt. Darüber hinaus waren die Zwei- bis Vierbettzimmer im Campus International gemischt. Jede deutsche Schülerin teilte sich ein Zimmer mit einer Französin. „Es ist gut, dass der Austausch in Gruppen stattfindet, anstatt individuell“, waren sich die Döbelnerinnen einig.
„Ihr seid die Zukunft des Kinos“, sagte Dany de Seille, langjährige Pressereferentin der Semaine de la Critique in Cannes, zur Begrüßung. Damit verdeutlichte sie, dass Zuschauer sehr wohl eine aktive Rolle für die Filmindustrie haben. „In Zeiten von Streaming geht die Kinoerfahrung oft verloren. Es macht einen großen Unterschied, ob man einen Film in einem Kino schaut, ohne Ablenkung, statt auf dem eigenen Computer oder Handy“, so de Seille.
Ähnlich sahen es auch die Journalisten, die die Filmkritik-Workshops geleitet haben. „Im Kino hat man die Möglichkeit, in einen Dialog mit dem Film zu treten – und mit sich selbst. Dieser Dialog wird mit der Filmkritik fortgeführt und hält das Kino am Leben“, so Frédéric Mercier und Dunja Bialas.
Die jungen Leute aus Döbeln waren beeindruckt, von dem, was sie in Cannes erleben durften. „Wir konnten neue Filme entdecken, die wir sonst wahrscheinlich nie gesehen hätten“, meinte Florentine Bley. Täglich konnten die Gymnasiastinnen an Weltpremieren mehrerer Kurz- und Spielfilme teilnehmen. Und während dreier Workshops mit insgesamt vier Journalisten hatten sie die Möglichkeit, das Handwerk der Filmkritik kennenzulernen.
Dabei schrieben sie auch selbst zu einem der Spielfilme aus dem Wettbewerb eine Filmkritik. Sie haben ein Interview mit den Regisseuren zweier Kurzfilme vorbereitet, das sie später führten, und mit der Radiojournalistin Andrea Burtz an einer Filmkritik in Form eines Radiobeitrags gearbeitet.
Den Höhepunkt der Cannes-Reise erlebten die Teilnehmer des Projektes mit der Diplomverleihung auf dem Arte-Boot. „Dort haben sie auch die beiden Generalsekretäre des DFJW, Pascale Trimbach und Tobias Bütow, getroffen“, sagt Michele Manca. Anschließend durften die jungen Leute wie die Filmstars über den roten Teppich flanieren und die berühmte Treppe des Festivalpalasts nach oben steigen.
Vorher war die Aufregung groß. „Ich hoffe nur, dass wir nicht stolpern“, meinte Milena Schroth. „Dort langzulaufen, wo die Stars langlaufen – das ist aufregend“, so Jessica Voigt. Luana Schulze war überrascht. Sie hatte im Laufe des Aufenthalts „mehr Paparazzi als erwartet“ gesehen. Bei der Heimreise am Freitag wirkten die vielen Eindrücke noch nach.
Döbelner Anzeiger
Cathrin Reichelt
23.05.2026


