Lessing-Gymnasium Döbeln

Start | Schule während der Pandemie | Adventsquiz 2020 | Neue Klasse 5 | Schul- und Spendenkonto | Kontakt | Impressum | Datenschutz

1869: Schulgründung

Die Gründung unserer Schule fiel bekanntlich in eine Zeit, da Deutschland sich anschickte, die jahrhundertealte Kleinstaaterei endlich zu überwinden und zu einer Reichseinheit zu finden. Drei Faktoren dürften ausschlaggebend gewesen sein, dass in unserer Stadt eine Realschule entstehen konnte.

Nach Gründung des Norddeutschen Bundes 1866 machte es sich auch im Königreich Sachsen erforderlich, die Zahl der Lehranstalten, denen die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährig-freiwilligen Militärdienst erteilt werden konnte, zu erhöhen. Schüler, die auf Grund ihres Schulbesuches diese Berechtigung erworben hatten und die Kosten für Bekleidung, Ausrüstung und Verpflegung tragen konnten, wurde dieser einjährige Militärdienst ermöglicht.

Zum zweiten spielten ökonomische Fragen eine große Rolle. Die in Mittelsachsen zahlreich ansässigen mittleren Landwirte und Gutsbesitzer benötigten in zunehmendem Maße in möglichst unmittelbarer Nähe eine geeignete Bildungsstätte, in der sie neben den nötigen Fachkenntnissen und praktischen Arbeitsmöglichkeiten auch eine entsprechende solide Allgemeinbildung erwerben konnten. In diesem Zusammenhang verdient der damalige Rittergutsbesitzer Ernst Friedrich Wilhelm Oehmichen aus Choren besondere Erwähnung. Er war als langjähriger Vizepräsident der 2. Kammer des Landtages und später Mitglied des Reichstages ein Mann mit großem Einfluß. Seiner Empfehlung ist es höchstwahrscheinlich zuzuschreiben, dass Döbeln, nicht zuletzt auch wegen seiner zentralen Lage in Sachsen im Schnittpunkt der drei Großstädte, den Vorzug gegenüber anderen Städten für diese Bildungseinrichtung erhielt.

Oehmichen verstarb am 04. Juni 1884 und hinterließ in seinem Testament nicht nur der Stadt Döbeln einen ansehnlichen Betrag, sondern auch der Schule "6 000 Mark zur Errichtung einer Stiftung unter dem Titel Oehmichenstiftung" mit der Bestimmung, dass von den Zinsen des Kapitals fleißige und bedürftige Realschüler bedacht werden sollten. Zu Recht ernannte die Stadt Döbeln diesen verdienstvollen Mann 1874 zu ihrem ersten Ehrenbürger. Nachfahren aus der in Sachsen weitverzweigten Familie Oehmichen waren über mehrere Generationen hinweg Schüler unserer Schule. Gegenwärtig besucht Torsten Oehmichen die Klasse 6b des Lessing-Gymnasiums.

Zum dritten kam hinzu, dass auch die Stadtverwaltung Döbelns an der Eröffnung einer Schule interessiert war, die über die Grenzen einer Bürgerschule hinausging. Sie stellte großzügig ein Areal für den Bau des Gebäudes, einschließlich eines Versuchsfeldes, von 3ha, 8a, 21 qm zum Kaufpreis von 15 080 Talern sowie einen Baufonds von 5 000 Talern zur Verfügung. Eine größere Erweiterung des Schulgrundstückes um 720 qm erfolgte 1898 durch Ankauf von Land an der Südwestseite, wodurch Möglichkeiten für ein größeres Versuchsfeld und den Bau des Laboratoriums gegeben waren.

Am 27. Oktober 1868 gab das königliche Ministerium seine Zustimmung zum Bau dieser Schule, und begreiflicherweise hat diese Entscheidung in Döbeln große Freude ausgelöst. Die Königliche Realschule I. Ordnung, wie sie zunächst hieß, konnte am 12. April 1869 eröffnet werden. Am darauffolgenden Tag begann der Unterricht mit 91 Schülern, 31 in Sexta, 31 in Quinta, 29 in Quarta.

Diese drei Unterklassen bildeten zugleich den Unterbau für die landwirtschaftliche Abteilung, die allerdings erst 1872 mit dem ersten Schüler eröffnet wurde. Diese Einrichtung sollte in erster Linie den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der mittleren Landwirte entgegenkommen. 1878 erhielt diese Abteilung den Status einer Landwirtschaftsschule. Der 3jährige Kursus schloß mit einer Reifeprüfung nach Untersekunda ab. Somit wurde die Schule zur sogenannten Doppelanstalt, in ihrer Art damals einmalig in Sachsen und Thüringen. Es muß schon hier betont werden, dass gerade die Landwirtschaftsschule durch vielfältige schulische Aktivitäten und nicht zuletzt auf Ausstellungen im In- und Ausland viel zum guten Ruf der Schule beigetragen hat.

Bis zur Fertigstellung des Gebäudes mußten die ersten Schüler jedoch in der ebenfalls neuerbauten Bürgerschule auf dem Schloßberg unterrichtet werden. 5 Lehrer standen zur Verfügung. Erster Rektor wurde Prof. Dr. Stößner aus Annaberg. Am 18. April 1871 konnte der Bau in der Königstraße (später Rathenaustraße, Adolf-Hitler-Straße, Stalinstraße, Straße des Friedens) seiner Bestimmung übergeben werden. Die Einweihung fand in der Aula statt, die mit Vorzimmer (heute Musikzimmer) 1892 eine geschmackvollere Ausstattung erhielt. 1968 wurde die Aula nochmals gründlich erneuert und erhielt im Prinzip das gleiche Aussehen, das sie heute noch hat.

Wenn dieser beeindruckende Saal erzählen könnte!

Vier historische Zeitabschnitte sind über unser auditorium maximum hinweggegangen: Kaiserreich, Weimarer Republik, "Drittes Reich", DDR. Die Büsten von Kaiser Wilhelm I. und Bismarck standen hier, der sächsische König kam sogar persönlich, dann äugte Adolf Hitler auf seine jungen Gefolgsleute, Stalin löste ihn ab, schließlich nahmen Walter Ulbricht und Erich Honecker seinen Platz ein.

Sic transit gloria mundi.

Heute hängt ein Landschaftsbild des Döbelner Malers Thomas Gatzemeier an der Nordseite der Aula und kündet von der Schönheit der Landschaft, in der unsere Heimatstadt liegt. Hier hat es schwungvolle und weniger bedeutende Reden gegeben, über himmlischen und irdischen Frieden, über Vaterlandsverteidigung und Klassenkampf, hier machten 10jährige klopfenden Herzens ihre erste Bekanntschaft mit der Schule, die ihnen 8 Jahre lang alles abverlangen würde, hier nahmen Abiturienten glücklich oder enttäuscht ihre Zeugnisse der Reife entgegen, hier flossen Tränen, wurden Hände geschüttelt, Auszeichnungen und Medaillen verteilt, hier wurde immer wieder gesungen, gespielt, auch getanzt, gefeiert natürlich, hier fanden Auseinandersetzungen statt, hier wurde Schulgeschichte, vielleicht sogar ein wenig Geschichte geschrieben.

Herrmann Schneider
Festschrift zum 125-jährigen Schuljubiläum
1994