29.03. Französische Stimmungslage in Döbeln

Achtklässler aus Evron sind bis Gründonnerstag zu Besuch und haben volles Programm

In Frankreich sind bald Präsidentschaftswahlen. Im Nachbarland macht sich das Gefühl breit, dass es Nicolas Sarkozy nicht noch einmal schafft und der Sozialist Francois Holland die neue Nummer eins wird. Aus erster Hand war von dieser aktuellen Stimmungslage gestern in Döbeln zu erfahren: von den 27 Schülerinnen und Schülern sowie deren Lehrern und Betreuern aus Evron, die sich zurzeit zu einem Partnerschaftsbesuch in der Stadt aufhalten.

Schülerin Chloé Hitchen (2.v.l.)

gehört zu den 27 Achtklässlern aus Nordfrankreich, die zurzeit in Döbeln zu Besuch sind. Im Rathaus konnten die Gäste gestern den Riesenstiefel bestaunen, nach dem ihnen Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer die Stadt vorgestellt hatte. Foto: Sven Bartsch


Die Verbindung zwischen Evron und Döbeln, konkret zwischen den beiden Gymnasien der Städte, besteht bereits seit 2003. Entstanden ist sie, wie so viele Partnerschaften, nach einem Spendenkontakt nach dem Hochwasser. Seitdem gibt es einen regelmäßigen Schüleraustausch. "Unsere Französisch lernenden Achtklässler waren im Oktober in Evron, nun sind die 13- und 14-jährigen Nordfranzosen zum Gegenbesuch hier", sagt Lehrerin Daniele Sturm. Während der Aufenthalte - der aktuelle Besuch ist bis Gründonnerstag in Döbeln - wohnen die Gäste jeweils bei den Familien der Partnerschüler. Mit diesen werden sie auch das bevorstehende Wochenende verbringen, zum Beispiel bei Ausflügen nach Kriebstein oder Dresden.

Ups, ist der groß!

Nicht schlecht staunten gestern diese Achtklässler aus dem nordfranzösischen Evron über den riesigen Stulpenstiefel im Döbelner Rathaus. Die Mädchen und Jungen aus dem Nachbarland - insgesamt sind es 27 - beteiligen sich an einem Schüleraustauschprojekt und sind Gäste des Lessing-Gymnasiums. Noch bis Gründonnerstag haben die jungen Besucher Gelegenheit, Döbeln und die Region zu entdecken. Foto: Sven Bartsch


Nachdem die Gäste am Mittwochabend in der Mensa des Gymnasiums begrüßt wurden, empfing sie gestern Vormittag Döbelns Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer im Rathaus. Er stellte die Stadt vor. Dabei waren die Franzosen von den Hochwasserbildern genauso beeindruckt, wie von der Tatsache, dass es in Döbeln unmittelbar vor der Wende noch 317 Geburten im Jahr gab, es jetzt nur noch rund 150 Geburten jährlich sind. "Uns wurde gesagt, wir müssen Europa wieder bevölkern. Und wir halten uns mit durchschnittlich 2,9 Kindern pro Familie auch daran", schilderte der Lehrer Didier Planchais etwas scherzhaft die französische Geburten-Realität. Was wiederum Egerer zu anerkennender Geste veranlasste.

Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer

nahm sich persönlich Zeit und stellt den französischen Austauschschülern Döbeln vor. Foto: Sven Bartsch


Die Gäste werden in den nächsten Tagen einen Stadtrundgang in Döbeln unternehmen, das Theater besichtigen, im Welwel und beim Ballsportwettkampf des Gymnasiums am Freitag Sport treiben, natürlich am Unterricht teilnehmen. Außerdem sind Besuche der Riesaer Nudelfabrik und des Freizeitbades Platsch in Oschatz sowie eine Fahrt nach Berlin geplant. Dort soll es im Bundestag ein Treffen mit der mittelsächsischen Abgeordneten Veronika Bellmann geben. Volles Programm also.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Olaf Büchel
29.03.2012

Sächsisch intensiv für junge Franzosen

Schüler aus dem französischen Evron sind Gäste des Gymnasiums. Nicht immer klappt der Austausch so reibungslos.

Da staunt Hans-Joachim Egerer. Gerade hatte Döbelns Stadtoberhaupt erklärt, dass die Geburtenrate in Döbeln seit 20 Jahren im Sinkflug ist, da erzählt ihm Didier Planchais, dass in seiner Heimat in jeder Familie im Durchschnitt drei Kinder geboren werden. Ein paar davon, nämlich 27, sitzen vor Egerer und schauen erwartungsvoll. Sie gehen in die 8. Klasse im Sacré-Coeur-Collège im französischen Evron und sind Gäste des Lessing-Gymnasiums. Der Besuch des Rathauses samt Audienz beim Oberbürgermeister ist obligatorisch. Die Schülern tuscheln, als Egerer mit Bildern erklärt, wie hoch die Mulde vor zehn Jahren in der Stadt stand.

Ein bisschen war es genau dieses Hochwasser, dass das Lessing-Gymnasium und die Schule in Evron zusammenbrachte. Ein Lehrer aus einer anderen Partnerschule der Franzosen hatte nach der Flut in Döbeln Schlamm geschippt und den Kontakt vermittelt. Seitdem funktioniert der Austausch. Alle zwei Jahren geht es hin und her. Erst im Herbst 2011 waren 29 Döbelner Gymnasiasten in Evron. Deutschlehrer Didier Planchais und die Döbelner Französischlehrerin Danielle Sturm verstehen sich prächtig. So ein Schüleraustausch funktioniere nur über persönliche Kontakte, sagen die beiden Lehrer.

Oberbürgermeister Hans Joachim Egerer

hat den Achtklässlern aus dem französischen Evron gestern im Rathaussaal die Stadt vorgestellt. Die Schüler werden in den nächsten Tagen Döbeln erkunden und Ausflüge in Sachsen und nach Berlin unternehmen. Foto: Dietmar Thomas


Und da hapert es an anderer Stelle gerade. Die beiden Partnerschulen im englischsprachigen Raum sind dem Lessing-Gymnasium abhandengekommen. Es gab den Austausch mit einer Schule im englischen Higham Ferrers, sagte Schulleiter Michael Höhme. Aber an dieser Schule wurden die Finanzmittel gekürzt. „Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht.“ Auch die jahrelange Freundschaft mit einer Schule in Seattle in den USA ist eingeschlafen. Der Deutschlehrer dort war nach 15 Jahren in Rente gegangen. Jetzt wird an der Schule statt Deutsch Mandarin, also Hochchinesisch, unterrichtet. „Das ist eine Privatschule, die ihre Angebot an der Nachfrage ausrichtet“, so Höhme.

Englisch ist erste Fremdsprache am Gymnasium, und schon aus diesem Grund wäre ein Schüleraustausch mit einer Schule in England wünschenswert. Aber neue Partner sind nicht so einfach zu finden. Aufgrund der großen Nachfrage ist die Auswahl nicht so groß.

Bei den Zweit-Fremdsprachen funktioniert der Austausch viel reibungsloser. Gerade bereitet die Schule eine Reise nach Moskau vor. Mit der dortigen Schule 1534 verbindet die Döbelner eine lange Freundschaft. Ganz billig sind diese Reisen freilich nicht, vor allem, wenn sie mit einem Flug verbunden sind, sagte Höhme. Die sächsische Bildungsagentur stellt zwar Geld zur Verfügung, allerdings schrumpft der Fonds immer mehr. Auch der Förderverein der Schule steuert etwas bei. Vor allem wird der Schüleraustausch über Elternbeiträge finanziert. Zumindest die Unterkunft ist kostenlos – die Schüler wohnen bei Gasteltern.

Dass der Schüleraustausch wichtig für den Sprachenunterricht ist, steht für den Schulleiter außer Frage. „Für die Schüler ist das unheimlich motivierend. Außerdem ist es etwas anderes, in eine Live-Situation zu sprechen, als Vokabeln aufzusagen“, sagte Höhme.

Die Schüler aus Evron bleiben bis nächste Woche Donnerstag in Döbeln. Sie werden am Unterricht teilnehmen, sich die Stadt ansehen, Bowling und Badminton spielen im WelWel, Fahrten in Sachsen und bis Berlin unternehmen und das Wochenende mit ihren Gastfamilien verbringen.

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
30.03.2012