29.09. Ein Döbelner erobert die Theaterwelt

Stefan Schmidtke ist in der Theaterwelt über Deutschlands Grenzen hinaus als Dramaturg und Festivalkoordinator bekannt. Dem Döbelner wird nun eine besondere Ehre zuteil: Er darf das Programm des Festivals „Theater der Welt“ 2020 in Düsseldorf gestalten. Den ersten Schritt auf dem Weg dahin hat er 1987 am Döbelner Gymnasium gemacht. Die Spuren sind bis heute sichtbar.

Wer im Döbelner Lessing-Gymnasium einmal eine Treppe in den Keller – oder Ebene Null, wie sie offiziell heißt – hinuntersteigt, der stößt auf Zeitdokumente an der Wand, die vor mehr als 30 Jahren das Schulleben nachhaltig veränderten. Vier handgemalte Plakate für einen Borchert-Abend hängen da – gestaltet vom heutigen Kunstdidaktiker an der Universität Halle, Achim Penzel. „Das sind Kopien, die Originale hat Achim Penzel bei sich“, erzählt Schulleiter Michael Höhme – 1987 in einer Abschlussklasse mit Penzel an der Erweiterten Oberschule Döbeln (EOS), wie das Gymnasium damals hieß.

Stefan Schmidtke hat in Döbeln seine Anfänge im Theater erlebt und seither an bedeutenden Kulturstätten in ganz Europa gearbeitet. Nach den Wiener Festwochen ist das Theater der Welt ein weiterer Karrierehöhepunkt für den 49-Jährigen. Foto: Thomas Rabsch


Den literarischen Abend mit einer musikalisch gestalteten Biografie Borcherts und einem 90-minütigen Auszug aus dessen Werk „Draußen vor der Tür“ hatte Höhme damals zusammen mit seinem Mitschüler Stefan Schmidtke aus der Taufe gehoben. „Das war sehr umstritten, was uns gar nicht bewusst war. Borchert galt in der DDR als bürgerlich-dekadenter Autor. Und wir haben das Ganze nicht über die FDJ, sondern über den Club der Intelligenz am Ostbahnhof laufen lassen. Wir wollten unser eigenes Ding machen“, erinnert sich Höhme.

Für dessen Freund Stefan Schmidtke war die Inszenierung nach einem Zwischenfall an der Schule eine wunderbare Gelegenheit, sich auszuleben. „Ich bin ja beinahe von der EOS geflogen“, erzählt er und lacht. „Ich habe Zettel in der Schule aufgehängt, dass wir unsere Wandzeitung selbst gestalten wollen. Da wurde ich zum Direktor und Parteisekretär bestellt und die Stasi kam ins Haus. Das war eine große Sache. Es gab aber letztlich keine Repressionen. Eher war das die Sternstunde, aus der unser Theaterprojekt entstanden ist“, erzählt der 49-Jährige.

Denn als er mit Höhme die Idee zum Stück entwickelt, wird das von Parteivertretern als Versuch der Wiedergutmachung gewertet. „Uns war das aber völlig schnuppe“, sagt Schmidtke und lacht wieder. Aus sechs zwölften Klassen beteiligen sich damals Schüler – unter anderem die heutige stellvertretende Schulleiterin Heike Geißler und DAZ-Redakteurin Steffi Robak – an der Aufführung, die laut Schmidtke eine regelrechte „Stimmungsbombe“ in der Schule war. Geprobt wurde oft bei ihm zu Hause in der großen elterlichen Wohnung am Niedermarkt. „Das gab einen Stimmungsumschwung an der Schule, den man heute gar nicht mehr nachvollziehen kann. Man konnte ja nicht einfach so Theater machen in der DDR. Das war für mich auch der Ursprung der Theater AG in der Schule“, sagt Schmidtke mit neu erwachter Begeisterung für die Vergangenheit. Die Programmhefte und Plakate wurden mangels Kopiermöglichkeiten als Fotografien in Schmidtkes Badezimmer in der Wanne vervielfältigt.

Zwei Aufführungen gab es in der Aula – am 26. März und am 4. April 1987. Der Erfolg war so groß, dass man die Schüler trotz Kritik aus Parteikreisen der SED am 3. Juli im Döbelner Theater auftreten ließ. „Wir hatten es stark auf die Antikriegssymbolik abgestellt. Da gab es bei den Zuschauern aus der Partei erst Erschrecken, dann große Begeisterung“, erzählt Michael Höhme.


Für Stefan Schmidtke – durch seine Theaterfamilie ohnehin vorgeprägt – war es der Startschuss zu einer eigenen Karriere als Dramaturg und Organisator im Theater. „Das Stück hat mich gepackt und ich habe das weitergemacht. Nach der Schule habe ich ewig gejobbt, weil ich keinen Studienplatz bekam“, erinnert er sich. Nach zwei Jahren als Regieassistent am Döbelner Theater zieht es ihn hinaus in die große Bühnenwelt, die er bis heute bereist.

Er arbeitete beim DDR-Fernsehen, dann an der Berliner Volksbühne. Von dort ging es auf Anraten von Oberspielleiter Horst Hawemann direkt nach Moskau. „Ich bin in den Zug gestiegen am 19. August 1991 und dort mitten in den Putsch geraten. Da wusste ich noch gar nicht, wer Jelzin war, aber es war interessant“, erzählt Schmidtke.

Städte und Regionen im Aufbruch und in Veränderung begeistern ihn seit jeher. Gearbeitet hat er seit dem Abschluss an der Moskauer Theaterakademie RATI-GITIS 1996 immer wieder an neuen aufstrebenden Orten und Produktionen von Berlin bis Sibirien, von Wien bis Talinn. „Ich gehe immer von einem Projekt zum anderen. Länger als drei bis fünf Jahre bleibe ich nie an einem Ort“, sagt er und beschreibt seine Arbeit damit zugleich als Lebensgefühl.

Noch bis Ende dieser Woche war Stefan Schmidtke mit dem Aufbau des Humboldt-Forums in Berlin betraut, den er seit 2016 betrieben und verwaltungstechnisch nun auch beendet hatte. Ab Montag ist er mit einem seiner bislang prestigeträchtigsten Projekte betraut: Er wird Programmdirektor des Festivals „Theater der Welt“, welches 2020 in Düsseldorf stattfinden wird. „Das ist die ganz große Show, der Stirnkuss Deutschlands, das, was es hier theatertechnisch zu vergeben gibt“, schwärmt Schmidtke. Seine Berufung folgte recht spontan, nachdem der eigentlich für den Posten engagierte Belgier Christophe Slagmuylder die Leitung der Wiener Festwochen übernommen hat. „Es gab eine ernstzunehmende Krise bei den Wiener Festwochen. Und das steht hinten im Pass, Punkt Vier: Wenn die Wiener Festwochen rufen, muss man kommen“, zeigt Schmidtke auf scherzhafte Weise Verständnis für den Kollegen. Zumal er selbst bereits in Wien Chefdramaturg war.

Theater der Welt
Theater der Welt ist ein internationales Festival, das 1981 vom deutschen Zentrum des Internationalen Theaterinstituts (ITI) gegründet wurde und seit 1991 im Drei-Jahresrhythmus den Standort wechselt. 1979, als das Theater der Nationen in Hamburg zu Gast war, entwickelte der Intendant des Deutschen Schauspielhauses und damalige Präsident des ITI, Ivan Nagel, die Idee, auch in Deutschland ein solches internationales Festival zu etablieren. Dabei inszenieren Theatermacher aus aller Welt Stücke zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen. Die Kosten übernehmen zu je einem Drittel die austragende Stadt, das Bundesland und der Bund. Die letzte Ausgabe gab es in Hamburg im vergangenen Jahr. Vom 14. bis 30. Mai wird es 2020 erstmals in Düsseldorf stattfinden. In den neuen Bundesländern war es bereits in Dresden (1996) und in Halle (2008) zu Gast. sf


Und auch mit Düsseldorf verbindet ihn die berufliche Vergangenheit. 2011 bis 2014 leitete er gemeinsam mit Almut Wagner die Dramaturgie am Düsseldorfer Schauspielhaus. Dass ihn der Weg nun zurück in die pulsierende Metropole am Rhein führt, findet er schicksalhaft. „Als hätte man vor 20 Jahren bei der Planung im dreijährigen Rhythmus des Festivals darauf hingearbeitet, dass es genau 2020 in Düsseldorf stattfinden kann“, meint er scherzhaft.

Denn in zwei Jahren wird sich in der Landeshauptstadt eine Transformation weitgehend vollzogen haben, die vor zehn Jahren mit dem Bau der neuen U-Bahn-Linie begonnen hatte. „Das ist die Stadt in Deutschland, die sich in den letzten zehn Jahren innerstädtisch komplett verändert hat. Die Atmosphäre ist der Hammer. Es sind neue Räume entstanden und die Menschen positionieren sich darin neu. Für ein interessantes Festival ist das eine Steilvorlage mit Künstlern aus aller Welt“, jubelt er schon jetzt. Die Themen Stadtumbau und Weltumbau ergäben sich dabei von selbst. Zudem feiert das derzeit renovierte Schauspielhaus 2020 sein 50. Jubiläum.

Viele Reisen seien jetzt notwendig, um Ideen für das Festival zu sammeln. Diese Woche ging es gleich nach Afrika. Zeit für Heimatbesuche bleibt da nur wenig. Dennoch kommt Stefan Schmidtke noch hin und wieder nach Döbeln. Zuletzt traf er sich mit Höhme und anderen Mitschülern des Jahrgangs 1987 im vorigen Jahr zum 30. Abschlussjubiläum im Gymnasium. „Ich bin wahnsinnig beeindruckt von den elektronischen Tafeln an der Schule. Und die sorgsame Renovierung des Hauses, die verschiedene Zeiten bewahrt, finde ich ganz toll. Überhaupt ist Döbeln bunt und schön geworden“, freut sich der 49-Jährige.

Michael Höhme will ihn zum 150. Geburtstag der Schule im nächsten Jahr wieder nach Döbeln einladen – auch wenn Schmidtke dann im Hochstress der Vorbereitungen in Düsseldorf stecken dürfte. „Für seine alte Schule kann er ruhig etwas tun“, meint Höhme augenzwinkernd. Stefan Schmidtke will sich das auf Nachfrage nicht entgehen lassen: „Ich komme gern, er soll sich melden, wir denken uns dann etwas aus.“


Döbelner Allgemeine Zeitung
Sebastian Fink
29.09.2018