14.09. Von Döbeln nach London

Absolventen im Kreuzverhör - Wie geht’s nach dem Abi weiter?

Diese Frage stellen sich zurzeit viele Elftklässler – oder sollten sie sich zumindest stellen. „Uns erschreckt es manchmal, wie unbedarft ihr auf die Zukunft zugeht“, sagt Sieglinde Kastner, Lehrerin am Döbelner Lessing-Gymnasium, an die Schüler der elften Klassen gerichtet. Sie hat deshalb gemeinsam mit ihren Kollegen Heiko Weise und Jan Murawski anlässlich der Festwoche zum 150-jährigen Bestehen der Schule eine ganz besondere „Studien- und Berufsberatung“ auf die Beine gestellt. Neun ehemalige Döbelner Abiturienten und Abiturientinnen berichteten darüber, wie es ihnen nach der Penne erging und womit sie heute ihre Brötchen verdienen. DAZ-Redakteur Olaf Büchel hörte wie die Schülererinnen und Schüler gebannt zu.

Nach der Vorstellungsrunde, bei der jeder der neun eingeladenen ehemaligen Lessing-Gymnasiasten über seinen Werdegang berichtete, konnten die Elftklässler bei einem Speeddating ihre Fragen an die Gäste richten. Fotos: S. Bartsch

Jan Schubert – der Meteorologe

  • Jan Schubert ist 25 Jahre alt. Das Abitur hat er 2012 gemacht. Studiert hat er in Leipzig Meteorologie.
  • Studium/Werdegang: Er hat ein Bachelor- und ein Masterstudium absolviert. Am Ende des Bachelor-Studiums hat Jan ein zweiwöchiges Praktikum auf der Halbinsel Zingst gemacht und dort mit Hilfe eines zehn Meter hohen Windmastes die Windgeschwindigkeit gemessen. Für seine Masterarbeit befasste er sich ein halbes Jahr lang intensiv mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Arktis. Die bestehende wissenschaftliche Erkenntnis konnte er bestätigen: Das arktische Meereis wird immer weniger, die Temperatur in der Arktis steigt. Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter war Jan Schubert am Leipziger Institut für Troposphärenforschung tätig. Zurzeit ist er auf Jobsuche.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Für das Meteorologiestudium besteht kein NC. Die Abbrecherquote liegt bei 70 Prozent. Aber: „Jeder der will, kann es schaffen.“ Mathe und Physik sowie Englisch als Fachsprache spielen in der Meteorologie eine wichtige Rolle. „Wer Wetterfrosch im Fernsehen werden will, der kann schon nach dem Bachelor aufhören.“ Die erworbenen Informatikkenntnisse können auch für einen Job außerhalb der Meteorologie genutzt werden.

Philipp Schubert – der Sportlehrer

  • Philipp Schubert ist 28 Jahre alt. Das Abitur hat er 2009 in Döbeln gemacht. Er studierte Sport in Chemnitz.
  • Studium/Werdegang: Gleich nach dem Abi war Philipp Schubert neun Monate bei der Bundeswehr. 2010 begann er sein Sportstudium – Bachelor und Master – das er 2016 abschloss. In Döbeln hat er in den verschiedensten Sportbereichen gearbeitet – vom Kinder- bis zum Seniorensport. Durch den Lehrermangel kam das Thema Sportlehrer ins Spiel. Seit zwei Jahren ist Philipp Grundschullehrer für Sport, Schwimmen und Mathematik an der Schule in Hof. Nächstes Jahr macht er sein Referendariat.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Du und Lehrer? Als diese Frage in der Schulzeit aufkam, hat Philipp abgewunken. Heute sieht er das anders: „Man braucht für diesen Beruf nicht nur Fachwissen, sondern Empathie. Ich denke, die bringe ich mit.“ Er sagt von sich, dass er gut mit Menschen umgehen kann. Manchmal ergebe sich das Ziel durch den Weg, den man bislang beschritten hat. Und: Die „Zwerge“, für die Philipp Schubert arbeitet – so nennt er seine Grundschüler – sind nach seinen Worten unsere Zukunft. Er sieht seine Aufgabe als Lehrer auch darin, diese „Zwerge“ auf die richtige Bahn zu bringen, sie zu bewegen, Bock auf etwas zu haben.

Anja Dürasch – Lebensmittelchemikerin

  • Anja Dürasch ist 29 Jahre alt. Das Abi hat sie 2008 am LGD gemacht. Sie ist Lebensmittelchemikerin.
  • Studium/Werdegang: Durch einen Tag der offenen Hochschultür an der TU Dresden hat sie ihre Uni und ihren Studiengang gefunden. In den ersten beiden Jahren handelt es sich um ein „normales“ Chemiestudium. Ab dem 4. Semester spielen Lebensmittel und Biologie eine größere Rolle. Sie absolvierte ein Praxisjahr in einem amtlichen Labor des Freistaates Sachsen, wo sie sich zum Beispiel im Lebensmittelrecht bilden konnte. Jetzt ist sie wieder an der Uni, unterrichtet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin Studenten, arbeitet in der Forschung und schreibt an ihrer Doktor-Arbeit über Milchproteine.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Chemie war immer ihr Lieblingsfach, auch wenn sie dort nicht die beste Note hatte. Anja: „Mich fasziniert die Chemie. Das ist die Naturwissenschaft, die am greifbarsten ist.“ Das Gute an der Lebensmittelchemie ist für Anja Dürasch, dass sie „generell aufgestellt“ und nicht so spezialisiert ist. Es gibt Recht, Qualitätsmanagement, Biologie, Mikrobiologie... Die Jobmöglichkeiten sind sehr vielseitig. Man kann in Laboren, auch von Lebensmittelherstellern arbeiten, überwacht die Qualität und trägt hohe Verantwortung.

Stefan Höhme – der Wissenschaftler

  • Stefan Höhme ist 40 Jahre alt. Das Abitur hat er 1996 gemacht. Heute ist er Wissenschaftler an der Uni Leipzig.
  • Studium/Werdegang: Stefan Höhme hat Zivildienst geleistet, Informatik und Biomedizin (Master) studiert. Er ist Doktor der Naturwissenschaften und leitet derzeit eine Arbeitsgruppe für medizinische Forschung am Interdisziplinären Zentrum für Bioinformatik (IZBI) in Leipzig. Höhme forscht zu speziellen Leberkrankheiten. Er entwickelt mit seiner Arbeitsgruppe Computermodelle, um die Komplexität solcher Krankheiten wie die einer Fettleber oder eines Leber-Turmors besser zu verstehen.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: „Im Prinzip geht es bei meiner Arbeit darum, eine virtuelle Leber im Computer zu erschaffen. An der können dann verschiedene Behandlungen und Therapien ausprobiert werden, was an einer richtigen menschlichen Leber ja nicht möglich ist“, erzählt Höhme von seiner Arbeit. Sein Weg zum Wissenschaftler sei geradlinig gewesen. Er lobt die gute internationale Vernetzung auf dem Gebiet der Bioinformatik. Die Spezialisierung sei hoch. In Neuseeland befassten sich Wissenschaftler zum Beispiel mit Herzmodellen, weshalb das Land in der Herzschrittmacher-Technik sehr fortschrittlich sei.

Selma Dubiel – die Sozialarbeiterin

  • Selma Dubiel ist 24 Jahre alt. Ihr Abitur machte sie im Jahr 2014. Jetzt arbeitet sie als Sozialarbeiterin im Krankenhaus Erfurt.
  • Studium/Werdegang: Sie hat an einer Berufsakademie ein duales Bachelor-Studium zur Sozialarbeiterin absolviert. Nun ist der Master dran – in sozialer Beratung/Intervention an der Fachhochschule Erfurt. Am dortigen Krankenhaus hilft Selma psychisch erkrankten Menschen, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Während ihrer dualen Ausbildung hat sie im Kinderheim Waldhaus Noschkowitz praktisch gearbeitet. Sie war auch schon in der JVA in Waldheim tätig.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Ihre duale Ausbildung möchte Selma Dubiel keinesfalls missen – diese sei eine „gute Lebensschule“ gewesen. Die soziale Arbeit biete ein sehr weites Arbeitsfeld und die Tätigkeit verändere immer wieder den Blick auf die Welt. „Es besteht die Möglichkeit, sich permanent weiterzuentwickeln, auch zu promovieren oder zu forschen. Sozialarbeiter ist ein krisensicherer Job. Da es oft ein von Frauen besetzter Beruf ist, werden Männer leicht bevorzugt“, so die Einschätzungen der 24-Jährigen. Ihre Tätigkeit sieht sie als direkte und nachhaltige Arbeit am Menschen, die große Wertschätzung erfahre.

Ronny Blochwitz – der Startup-Chef

  • Ronny Blochwitz ist 30 Jahre alt. Das Abitur hat er 2008 gemacht. Heute ist er selbstständig und hat schon zwei Firmen gegründet, darunter ein klassisches digitales Startup-Unternehmen.
  • Studium/Werdegang: Ronny hat Medien-, Sport- und Eventmanagement studiert, hat schon Fußball vermarktet, war für einen Sponsor in Personalverantwortung. Er gründete eine kleine Marketing-Event-Agentur für Konzert-Veranstaltungen in Stadien. An der Berufsakademie Riesa hat er als Dozent gearbeitet. Vor anderthalb Jahren gründete Ronny Blochwitz das Startup für Elektromobilität E-Autos.de, dessen Geschäftsführer er ist. Er bietet Information und Beratung rund um Elektroautos.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Er ist jetzt genau dort angekommen, wo er sich selbst vor elf Jahren im Abijahr gesehen hat: er ist selbstständiger Unternehmer. Er musste bereits wirtschaftliche Risiken eingehen. Und Ronny kann berichten, dass Selbstständigkeit alles andere ist, als den Chef zu spielen, erst mittags auf Arbeit zu kommen und ein dickes Auto zu fahren. „Gerade in der Startup-Kultur wird richtig gelitten. Das ist ein sehr harter Weg.“ Den Lessing-Gymnasiasten sagt er, dass sie sehr froh sein können, an dieser Döbelner Schule zu lernen.

Hanna-Pauline Clausner – bald Ärztin

  • Hanna-Pauline Clausner ist 25 Jahre alt. Das Abitur hatte sie 2012 in der Tasche. Nächstes Jahr will sie ihr Medizinstudium abschließen.
  • Studium/Werdegang: Eigentlich wollte Hanna-Pauline Schauspielerin werden. Ihr Vater gab den Tipp, diesen Traumjob doch erst mal gründlich zu beschnuppern. Was sie auch tat: bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr/Kultur am Theater Jena. „Nach zehn Monaten wusste ich, was ich nicht werden wollte – Schauspielerin.“ Sie bewarb sich dann für zwei Studienmöglichkeiten – Lehramt und Medizin – bekam für beides eine Zusage und entschied sich „aus dem Bauch heraus“ für die Medizin. „Die ersten beiden Semester waren richtig sch... Jetzt ist es viel besser. Ich bin stolz auf mich, es ist ein langer harter Weg.“
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Mit 16, 17 Jahren ist es normal, noch nicht zu wissen, wo es hingehen soll, beruhigt Hanna-Pauline Clausner die Elftklässler. Wichtig sei, nicht auf der Couch herumzuliegen und zu warten, bis etwas zugeflogen kommt. „Ihr müsst euch selbst kennen lernen. Was macht euch wirklich Spaß. Bei was vergesst ihr zu essen oder aufs Klo zu gehen?“ Ihre Zeit am Theater sieht sie nicht als vergeudet an. Es sei wichtig, sich auszuprobieren – in einem FSJ, bei Praktika oder einem Auslandsjahr.

Eric Dubiel – der Finanzingenieur

  • Eric Dubiel ist 29 Jahre alt. Das Abitur hat er 2008 gemacht. Er arbeitet jetzt als Finanz-Ingenieur in London.
  • Studium/Werdegang: Eric absolvierte nach dem Abi ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Politik – im Büro der damaligen Oberbürgermeisterin von Dresden, Helma Orosz. Dann begann er sein Wirtschaftsstudium an der Uni in Mannheim. Nebenbei jobbte er am dortigen Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung. Eric Dubiel sammelte in Frankreich Auslands- und Banken-Erfahrung, beteiligte sich erfolgreich an einem Börsenspiel, unternahm eine Studienreise nach London. Er arbeitete jeweils sechs Monate bei einer Schweizer und einer amerikanischen Bank, studierte weiter in London und machte seinen Master in Finanzmathematik. Seit vier Jahren ist er als Aktien- und Derivate-Strukturierer bei Morgan Stanley in London tätig.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Am Gymnasium besuchte er den Mathe- und Französisch-Leistungskurs. Er setzte sich schon damals mit Wirtschaft und dem Geldsystem auseinander. Fremdsprachen wie Englisch oder Französisch sind für ihn wichtig. In Frankreich wird auf Mathe viel Augenmerk gelegt. Eric möchte beitragen, eine nachhaltigere Finanzwirtschaft und für die Zukunft eine größere Planbarkeit auf diesem Gebiet zu schaffen.

Mathias Schertenleib – der Landwirt

  • Mathias Schertenleib ist 24 Jahre alt. Das Abitur absolvierte er 2013 am Lessing-Gymnasium. Er ist Landwirt und angehender Agrarwirt.
  • Studium/Werdegang: Mathias hat den Beruf des Landwirtes gelernt, was durch den elterlichen Spargelhof in Pulsitz nahe lag. Dann reiste er nach Neuseeland, hat fünf Monate für ein Landwirtschafts-Projekt der UN gearbeitet, sich in der englischen Fachsprache weitergebildet. Weitere fünf Monate bereiste er Australien, Indonesien und Thailand. 2016 begann er sein Bachelor-Studium zum Agrarwirt an der HTW in Pillnitz, das er diesen Herbst abschließen will. Dann beginnt er ein Masterstudium mit vielen Praktika, die er in einem Betrieb in Mittelsachsen absolvieren und dort in die Betriebsleitung einsteigen will.
  • Tipps und gesammelte Erfahrungen: Seine Berufsausbildung hat Mathias beim Studium sehr geholfen. „Das geschaffte Abi sollte keineswegs eine Blockade für eine anschließende Berufsausbildung sein. Für mich war es das Beste, was ich machen konnte.“ Vom Bild des Landwirtes mit Mistgabel und in Gummistiefeln müsse man sich zunehmend verabschieden. Die Jobmöglichkeiten seien in der Landwirtschaft gut, da sich gerade ein starker Generationswechsel vollziehe.

Absolventen im Kreuzverhör

Ein großes Dankeschön an unser Referententeam!