07.09. Wenn eine Schule 150 wird

Das Lessing-Gymnasium feiert eine Woche lang sein Jubiläum. Sogar ein Film ist entstanden. Auch ein Geist spielt mit.

Kaum ist Kunsterzieher Claus Vejrazka im Ruhestand, taucht er am Gymnasium wieder auf. Als Geist. Als Geist von Max Aßmann in einem Film, um genauer zu sein. Der Lehrer hatte 1947 den Vorschlag gemacht, das Gymnasium nach Lessing zu benennen. Dem Dichter und Denker, von dem der Satz überliefert ist: „Ohne die Geschichte bleibt man ein unerfahrenes Kind.“

Schulleiter Michael Höhme mit der Festschrift zum 150. Jahrestag des Lessing-Gymnasiums. Sie und ein Film wurden bei der Festveranstaltung zum Auftakt der Festwoche in der Aula präsentiert. Dietmar Thomas

Um Geschichte und ihre Bedeutung dreht sich auch der Film, der zum 150. Jahrestag der Schule entstanden ist. Am Freitag wurde er beim Auftakt der Festwoche zum ersten Mal gezeigt. In den Hauptrollen Philipp Hoffmann und Sarah Jedamzik, beide Schüler. Und noch ein Ruheständler taucht darin auf: Reinhard Zerge, ehemals Chef der Stadtwerke und Vorsitzender des Fördervereins, spielt einen Lehrer, der seine Schüler mit Geschichte langweilt.

In vier Tagen war der Film „Anton wacht auf“ abgedreht, sagte Philipp Schüller, Student für Kultur und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg, der mit seinem Kommilitonen Hans Höpfner das Drehbuch geschrieben und den 20-minütigen Film produziert hat.

Zu jedem Jubiläum hat man sich an der Schule etwas Besonderes einfallen lassen, Mit dem Film habe man die Messlatte ziemlich hoch gelegt, sagte Schulleiter Michael Höhme. Entstanden ist auch eine Festschrift zur Geschichte und Gegenwart der Schule. „Daran haben sich auch viele Lehrer mitgearbeitet. Es gibt darin eine Vielfalt an verschiedenen Textarten, auch Interviews und O-Töne. Die Festschrift sollte etwas Journalartiges sein“, sagte Höhme. Knapp 1000 Stück seien aufgelegt worden und sollen jetzt verkauft werden.

Was macht das Lessing-Gymnasium 150 Jahre nach seiner Gründung aus? Höhme machte es an den an den Buchstaben von Lessings Namen fest. Das „L“ stehe für Lernbereitschaft und Leistung. „Das Lessing-Gymnasium hat sich immer zu Leistung bekannt. Das hat ihm den Ruf eingebracht, dass es hier nicht leicht ist. Die Schüler lernen bei uns, dass Erfolg das Ergebnis von Fleiß und Leistung ist.“ Im „E“ sieht Höhme Empathie und das fast ausgestorbene Wort „edel“ und bringt den „Lauf mit Herz“ ins Spiel, bei dem jedes Jahr zehntausende Euro Spenden eingesammelt werden. „Die edle Gesinnung und Empathie ist hier mit Händen zu greifen. Emotionale Intelligenz lernt man an dieser Schule.“

Die zwei S stehen für sportlich und sprachbegabt. Schon vor 100 Jahren wurden an der Schule ein Turnverein und ein Verein für Leibesübungen gegründet. Unterrichtet werden fünf Sprachen. Es gibt bilingualen Unterricht und einen Austausch mit Schulen in Frankreich und Tschechien. „I“ wie Innovation gab es schon früher. 1900 beteiligte sich das Gymnasium, damals noch mit Landwirtschaftsabteilung, an der Weltausstellung in Paris. Das moderne Lernkonzept von Theorie und Praxis überzeugte. Die Sachsen bekamen eine Silbermedaille. Die Praxis spielt auch heute eine Rolle. Für das Engagement beim Einsatz der neuen Medien war die Schule im vorigen Jahr als erste in Sachsen als „Smart School“ ausgezeichnet worden.

Lessings „N“ lässt Höhme für „neugierig“ im Sinne von Wissensdrang stehen. Und das „G“ für Geduld, die jeder Schüler am Gymnasium lernt. „Es ist nicht leicht, Schülern Geduld auch mit sich selbst beizubringen. Aber Mathe lernt man nur mit fleißigem Üben. Geduld wird seit 150 Jahren gelehrt, auch wenn sie nicht im Lehrplan steht.“

Im Oktober 1868 hatte das sächsische „Cultusministerium“ beschlossen, in Döbeln eine Königliche Realschule 1. Ordnung mit landwirtschaftlicher Abteilung einzurichten. Döbeln brauchte eine weiterbildende Schule für das aufstrebende Bürgertum und die Söhne der Bauern in der landwirtschaftlich orientierten Gegend. Der erste Rektor zog mit fünf Lehrern und 81 Schülern vorübergehend mit in die nagelneue Bürgerschule auf dem Schloßberg ein. Im April 1871 konnte das neu gebaute Schulhaus bezogen werden. Dazu gehörten drei Hektar Versuchsfelder.

In ihrer wechselvollen Geschichte habe das Gymnasium eine schwierige Gratwanderung vollführt, sagte Höhme. In Diktaturen sei es immer für ideologische Zwecke ausgenutzt worden. 1938 wurden die beiden letzten jüdischen Schüler des Gymnasiums verwiesen. Im Ersten Weltkrieg waren 174, im Zweiten etwa genau so viele Schüler auf den Schlachtfeldern geblieben. Und auch in der DDR mussten junge Menschen die Schule verlassen, weil sie Mitglieder der Jungen Gemeinde waren. „Minderjährige wurden mit ihren Studienwünschen von der Stasi erpresst, damit sie ihre Mitschüler denunzieren“, sagte Höhme. Lehrer Max Aßmann hatte 1947 mit seinem Namensvorschlag eigentlich eine andere Idee. „Lessing sollte moralische Orientierung nach der ideologischen Verblendung geben.“

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
07.09.2019


Liebevoller Blick auf eine Schule mit Festakt und Filmpremiere

Wenn am Montag am Lessing-Gymnasium die Festwoche zum 150-jährigen Bestehen der Schule startet, dann ist die höhere Döbelner Bildungsstätte genau 150 Jahre und 150 Tage alt.

Am 12. April 1869 hatten die ersten 91 Schüler und fünf Lehrer der neugegründeten Königlichen Realschule I. Ordnung zunächst im damaligen Neubau der Bürgerschule auf dem Schlossberg mit dem Unterricht begonnen. Richtfest für das neue Gebäude an der heutigen Straße des Friedens war 1870, ein Jahr später dann der Umzug vom Schlossberg und die Eröffnung am neuen Standort. Das Schuljahr endete damals vor Ostern und begann nach den Osterferien. 1874 absolvierten die ersten fünf Schüler ihre Maturitätsprüfung. 145 Jahre später waren es 94 Abiturienten, die im Jubiläumsjahr allesamt ihre Abiturprüfungen bestanden.

Das Filmteam des Spielfilms zum 150. Jubiläum des Gymnasiums wurde nach der Premiere beim gestrigen Festakt geehrt. Foto: Sven Bartsch

Doch nicht nur daran erinnerte Schulleiter Michael Höhme in seiner Festrede. Anhand der sich im Laufe der Jahrzehnte ändernden Straßennamen am Schulstandort von Straße an der Haltestelle, Königsstraße, Rathenaustraße, Hitlerstraße, Stalinstraße bis zur heutigen Straße des Friedens erzählte der Schulleiter davon, wie sich die Schule in der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, der NS-Zeit, der Nachkriegszeit, der DDR-Zeit bis in die heutige Zeit entwickelte und wie anfällig das System Schule in Zeiten von Diktaturen sein kann.

Seit 1947 trägt die Schule den Namen Lessing. Die sieben Buchstaben buchstabierte er mit L wie Leistung für Fleiß und harte Arbeit zum Erfolg. E wie Empathie für die Fähigkeit, eigene und anderer Gefühle zu erkennen und entsprechend zu handeln. Die beiden S in Lessings Namen könnten am Gymnasium für sozial und solidarisch sowie für sportlich und sprachbegabt stehen. I solle für ideenreich, N für neugierig und G für gerecht und Geduld stehen. Denn auch Geduld sei eine Schlüsselkompetenz, die in keinem Lehrplan stehe. Am Ende seiner Rede kam Michael Höhme zu dem Schluss, dass sich Namensgeber Gotthold Ephraim Lessing heute über die Schule freuen würde.

Die Chöre des Gymnasiums sorgten bei dem Festakt für den musikalischen Rahmen. Quelle: Sven Bartsch

Gefreut hätte er sich dabei wahrscheinlich auch über die Festschrift, die zu solchen Anlässen an der Schule Tradition hat. Für die nächsten Schuljubiläen legte das Lessing-Gymnasium aber die Latte hoch. Denn zum 150. Jubiläum wurde unter dem Titel „Vergiss dein nicht“ eine Film gedreht. Ein Team von Filmstudenten der Hochschule Merseburg drehte mit den Schülern Philipp Hoffmann und Sarah Jedamzik sowie dem ehemaligen Kunstlehrer Claus Vejrazka und Fördervereinschef Reinhard Zerge. Herausgekommen ist keine Dokumentation, sondern ein unterhaltsamer Spielfilm über das Gymnasium und seinen Namensgeber samt einer Liebesgeschichte.

Die Festschrift und die DVD mit dem Jubiläumsfilm sind im Sekretariat der Schule, in der Stadtinfo und der Buch-Oase zu haben.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
07.09.2019

Eine 200-Seiten starke Festschrift und einen sehr unterhaltsamen kleinen Spielfilm bringt das Lessing-Gymnasium Döbeln aus Anlass seines 150. Geburtstages heraus. Am Freitag hatte die Schule zum Festakt in die Aula geladen. Schulleiter Michael Höhme sowie Lina Krause und Martin Dahms präsentierten dabei auch die beiden Jubiläumswerke. Quelle: Sven Bartsch

Das ist in der Festwoche los

Im Rahmen der Festwoche zum 150. Geburtstag des Lessing-Gymnasiums steigt am Montag ein großes Schulhoffest am Körnerplatz. Im Theater wird am Montagvormittag noch einmal das Stück „Zeitreise LGD“ der Theater AG gezeigt.

Ein Kreuzverhör mit Absolventen, die nun im In- und Ausland spannende Aufgaben haben, ist am Dienstag in der Aula geplant. Dienstagabend steigt der Schulball in der Mensa.

Ein Fremdsprachenfest findet am Mittwochvormittag statt. In der kleinen Galerie im Rathaus eröffnet um 15.30 Uhr die Ausstellung „Schule macht Kunst“.

Am Donnerstag findet der traditionelle Ballathon in der Stadtsporthalle statt. Ein Poetry-Slam beginnt 19 Uhr in der Aula. Am Freitag gibt es naturwissenschaftliche Vorlesungen und einen Vortrag von Jürgen Dettmer zur friedlichen Revolution in Döbeln.