01.09. Landesweite Konferenz zur digitalen Bildung

Schüler von heute nicht mit der Technik von gestern auf das Morgen vorbereiten

150 Computer, zwei Klassensätze Tablets, 28 interaktive Tafeln, Lehrer, die sich untereinander an der Technik fit machen und Lust darauf haben, spannenden Unterricht zu geben. Das und die Stadt Döbeln als investitionsfreudigen Schulträger zählt Schulleiter Michael Höhme als Pfunde für seine frisch ausgezeichnete digitale Schule auf.

Als einzige Schule in Sachsen gehört das Lessing-Gymnasium zum bundesweiten Smart-School-Netzwerk aus 21 Bildungsstätten. Der Verband der Deutschen Digitalwirtschaft Bitkom zeichnete diese Schulen als Vorreiterschulen aus. Als solche Vorreiterschule richtete das Lessing-Gymnasium gestern Nachmittag eine große Digitalkonferenz zum Thema „Bildung im digitalen Zeitalter – Perspektiven für Schulen in Sachsen“ aus. Über 200 Gäste, Schulleiter, kommunale Entscheidungsträger, Vertreter des Landesamtes für Schule und Bildung sowie Unternehmer und Politiker hatten sich angemeldet. Noch deutlich mehr Gäste waren gekommen.

Mit einem unterhaltsam provokanten Vortrag zur digitalen Bildung in Deutschland und der Schweiz stieg der Schweizer Pädagogikprofessor Werner Hartmann ins Thema ein. Foto: Bartsch


„Als Verband der Digitalwirtschaft wollen wir zeigen, was bei der digitalen Bildung schon möglich ist. Im Freistaat liegen wir bei dem Thema im Bundesvergleich im unteren Drittel. Wir können jetzt mit dem Aufholen beginnen“, sagte Bitkom Landessprecher Dirk Röhrborn in seiner Begrüßung.

Sachsens Bildungsminister Christian Piwarz bestätigte diesen Nachholebedarf. Bisher sind nur 46 Prozent der Schulen in Sachsen am Breitbandnetz. Für die restlichen 170 noch nicht vernetzten Schulen wird jetzt ein neues Förderprogramm aufgelegt. „Heute ist die Digitalisierung aus dem Alltag der Menschen nicht mehr wegzudenken. Unsere Lehrpläne dagegen stammen mit einigen Fortschreibungen im Kern aus dem Jahr 2004. Da gab es noch kein Smartphon“, bekannte der Minister. Deshalb befasse sich in seinem Ministerium nun eine eigene Abteilung mit digitaler Bildung. Dabei gehe es nicht nur um technisches Wissen. Die Ereignisse von dieser Woche in Chemnitz zeigten, dass Medienkompetenz zu einer grundlegenden Kulturtechnik geworden sei, um aus der Flut von Informationen im digitalen Zeitalter Wichtiges und Unwichtiges sowie Wahrheit oder Lüge herauszufiltern.

„Wir haben heute zu viele Infos aus unterschiedlichsten Quellen. Nicht nur jungen Menschen müssen wir zeigen, diese Flut zu filtern und einzuordnen. Viele Jugendliche können nicht mal richtig googeln“, so der Schweizer-Pädagogik Professor Werner Hartmann. Mit provokanten Beispielen regte er an, wie man mit Tablets in verschiedensten Fächern arbeiten kann. Etwa indem er per App die Broschüren zur Digitalen Bildung des Schweizer und des Sächsischen Kultusministeriums auf Worthülsen analysiert und den Bullshit-Index errechnet. „In beiden Broschüren steht etwa gleich viel heiße Luft“, sagt er lächelnd. Zahlreiche Startup-Unternehmen aus dem Bereich digitale Bildung stellten anschließend in Drei-Minuten-Vorträgen ihre Angebote vor. Bis zum Abend nutzten die Gäste der Digitalkonferenz zudem mehrere Workshops und Diskussionsrunden, die auf zwei Etagen im Hauptgebäude des Gymnasium aufgebaut waren.

„Schüler von heute können wir nicht mit der Technik von gestern auf das Morgen vorbereiten.“ Ihren Leitspruch gab Ursula Kührig am Nachmittag mehrfach zum besten, wenn sie Interessierten vorführte, wie am Lessing-Gymnasium in Döbeln der Tabletunterricht etwa am Beispiel des GPS-Projektes funktioniert. Die Fachleiterin für Naturwissenschaften am Lessing-Gymnasium ist seit mehreren Jahren Mitglied der Promotorengruppe für den Tabletunterricht in Sachsen. Die 60-jährige Mathelehrerin ist an der Bildungsstätte eine Koryphäe beim Thema Digitale Bildung, die viele andere Kollegen mitreißt.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
01.09.2018

Kommentar

Medienkompetenz als Kulturtechnik

Die aktuellen Ereignisse von Chemnitz zeigen auf, wie bedeutsam digitale Bildung und Medienkompetenz für alle Altersgruppen sind. Da hatte Sachsens Bildungsminister Christian Piwarz gestern bei der Digitalkonferenz am Döbelner Lessing-Gymnasium den Finger an der richtigen Stelle. Nahezu jeder Bürger, ob jung oder alt, hat Smartphone oder Tablett zur Verfügung und bezieht damit Informationen. Doch neben der technischen Kompetenz zum Umgang mit dem Gerät ist die Medienkompetenz im digitalen Zeitalter mindestens genauso wichtig, damit nicht mit Unwahrheiten oder Halbwahrheiten Stimmungen erzeugt werden können.

Medienkompetenz wird damit zu einer Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben. Und diese zu erlernen, ist nicht allein Thema der Schulen. Lebenslanges Lernen ist für jeden Menschen in jeder Generation wichtig. Das erfordert die neue digitale Welt. Wenn keiner aber weiß, wies funktioniert, wird die Technik zum Problem. Und nicht nur die Technik. Ohne Medienkompetenz kann man die billigsten Lügen oder Fakenews nicht erkennen, kann man die Flut von Informationen und Quellen gar nicht filtern und nicht wichtig von unwichtig, falsch von richtig unterscheiden.

Der Schweizer Pädagogik-Professor Werner Hartmann brachte gestern Lessing und die digitale Bildung in seinem Vortrag am Lessing-Gymnasium zusammen. Lessing war Aufklärer, Vordenker und betrachtete alles von verschiedenen Seiten. Er empfahl gerade im Zeitalter digitaler Bildung mal wieder „Nathan der Weise“ zu lesen. Ein weiser Ratschlag in aufgeregten Zeiten.

 


Mittelsachsen-TV: Bildung im digitalen Zeitalter – Perspektiven für Schulen in Sachsen, in Döbeln diskutiert


Smarte Schulen sind der Einzelfall

In Sachsen klemmt es bei der digitalen Bildung. Schulleiter Michael Höhme hat Vorschläge, wie es besser geht.

Dass digitale Bildung in den Schulen nötig ist, das ist eine Erkenntnis, die gebetsmühlenartig wiederholt wird. Dass diese Erkenntnis in der Praxis noch wenig Niederschlag gefunden hat, ist auch keine Neuigkeit. Das Lessing-Gymnasium in Döbeln stellt die rühmliche Ausnahme dar. Im vergangenen Jahr hat sie als erste Schule in Sachsen den Titel „Smart School“ erhalten. In Ausstattung mit und Anwendung der Neuen Medien ist sie beispielhaft im Freistaat. So sehr, dass der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom) zu einer Tagung zur Bildung im digitalen Zeitalter ins Lessing-Gymnasium einlud.

Schulleiter Michael Höhme stellte im Zwiegespräch mit Bitkom-Landessprecher Dirk Röhrborn dar, was aus seiner Sicht nötig ist, die digitale Bildung im Freistaat voranzubringen. Erstens braucht es Investitionen in Technik, sagt er. Sachsen habe derzeit dafür kein Förderprogramm, und die Kommunen könnten ohne Zuschüsse die Ausstattung der Schulen nicht finanzieren. „Es ist kein Zufall, das viele Smart Schools in den alten Bundesländern sitzen. Andere sind da weiter“, sagte Höhme. Zweitens brauchten die Schulen für das Projektmanagement personelle Ressourcen. „Unsere Beauftragte für Medienbildung hat statt mehr Zeit weniger Zeit zur Verfügung. So ist das Ziel nicht zu erreichen“, sagte der Schulleiter. Und drittens fehlten pragmatische Lösungen und gebe es zu viele juristische Bedenken. Als positives Beispiel nennt er Tschechien. Dort sind die Schulnoten der Kinder von den Eltern per Passwort im Internet abrufbar.

Bei Workshops wurden den Teilnehmern der Tagung Möglichkeiten für den Einsatz digitaler Technik gezeigt. Lehrer Tommy Greim erklärt, wie er Tablets im Unterricht einsetzt. Foto: André Braun


Der, den das alles direkt angeht, saß unter den Zuhörern. Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) sprach viel über die Notwendigkeit, aber wenig über konkrete Umsetzung. Man ist in Sachsen damit ganz am Anfang. Mit dem Bund werde gerade über die Finanzierung der Digitalisierung der Schulen und über die Standards gesprochen, die dafür gelten sollen. „Wir hoffen, dass es 2019 das erste Geld gibt“, so Piwarz. Nur 46 Prozent der Schulen im Freistaat besitzt überhaupt einen Breitbandzugang zum Internet. „Das ist deutlich zu wenig. Wir wollen die anderen 170 Standorte jetzt erschließen. Dafür gibt es ab kommendem Jahr ein Landesförderprogramm.“ Noch eine Neuerung: Im Kultusministerium gebe es jetzt auch ein eigenes Referat für Digitalisierung und Medienbildung.

Am Lessing-Gymnasium stellt sich die Situation deutlich besser dar als in anderen Schulen. Die Stadt Döbeln hatte seit 2010 massiv in die digitale Aufrüstung investiert. In 28 Klassenräumen hängen sogenannte interaktive Tafeln. „Wir verfügen über 150 Computer für die Schüler und 42 Tablets“, sagte Höhme. Am Gymnasium gab es schon immer eine Affinität zu den Neuen Medien: Seit 20 Jahren hat die Schule eine Homepage und sie betreibt das größte deutsche Infoportal über jüdische Geschichte und Kultur. „Wir haben 2 000 bis 3 000 Zugriffe pro Tag. Das wird vor allem von Schülern und Studenten genutzt.“

Manche Lehrer hätten anfangs Angst vor dem Umgang mit der neuen Technik gehabt und die traditionelle Kreidetafel vorgezogen. „Mittlerweile ist das ganz anders. Die Lehrer haben erkannt, dass es ein Vorteil ist, nur mit einem Speicherstick in den Unterricht zu gehen“, sagte Höhme. Der Umgang mit der neuen Technik setzte die Fortbildung der Lehrer voraus. „Unsere sechs neuen Lehrer haben gleich erst mal eine Fortbildung zu den interaktiven Tafeln und dem Einsatz von Smartphones im Unterricht bekommen“, sagte Höhme. Der Einsatz der Digitaltechnik erfordere enthusiastische Lehrer. Die gibt es am Gymnasium unter anderem mit der Fachleiterin Ursula Kührig, die auch in einer landesweiten Fachgruppe „Lernen und lehren mit Tablets“ arbeitet.

Michael Höhme sieht die Chancen, die sich mit dem Einsatz von moderner Technik ergeben. Selbst mit Blick auf die allgemeine Personalnot. „Man braucht nur ein Lernlabor mit 28 Tablets, eine pädagogische Hilfskraft und die nötigen Lerninhalte auf der Online-Lernplattform Opal Schule. Dann wären die Ausfallstunden anders vorstellbar, als dass die Kinder auf dem Schulhof sitzen und in die Sonne blinzeln.“

"Döbelner Anzeiger"
Jens Hoyer
01.09.18


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