06.10. Schüler sprühen gegen Schubladendenken

Bei der ersten Aktion von „Jugend für morgen“ geht es um Vorurteile – auch zwischen Oberschülern und Gymnasiasten.

Der kleine Saal des Volkshauses ist ein Malsaal. Der Fußboden ist ausgelegt mit Flies und Papierbahnen, über die Tische gebeugt stehen junge Leute in Kitteln und mit Mundschutz vor den Gesichtern. Die Fenster sind weit offen, denn es riecht durchdringend nach frischer Farbe. Ein Graffiti entsteht an diesem Tag. Kein gewöhnliches, das an Mauern gesprüht wird, sondern eines, das auf Wanderschaft gehen kann.

Michelle Finsel-Mitschke (links) und Anna-Lina Matz, Zwölftklässlerinnen des Lessing-Gymnasiums, sind die Initiatorinnen einer Kunstaktion im Volkshaus, bei der ein Wander-Graffiti entstanden ist. Foto: Dietmar Thomas


Die Graffiti-Kunstaktion ist die erste einer Initiative, die sich den Namen „Jugend für morgen“ gegeben hat. Zwei junge Frauen, Anna-Lina Matz und Michelle Finsel-Mitschke, Schülerinnen der 12. Klasse des Lessing-Gymnasiums, stehen als Akteure hinter dieser Initiative. Betreut werden sie wiederum von Nicole Schütze vom Verein „Freiberger Agenda 21“. Woanders in Landkreis Mittelsachsen gibt es solche Jugendinitiativen schon. Freiberg hat seit 20 Jahren ein Jugendparlament. In Flöha wurde im vorigen Jahr die „Jugendstimme Flöha“ gegründet. „Die haben jetzt vier Vorstandsmitglieder“, sagte Nicole Schütze von Agenda 21. Als sie in Döbeln nach Mitstreitern suchte, geriet sie an Michelle Finsel-Mitschke. „Ich kannte das vorher nicht und war gleich begeistert“, erzählt die Schülerin. Ihre Freundin fand die Idee auch gut. Die beiden Zwölftklässlerinnen standen auch mit der Farbdose im Volkshaus und gestalteten ein Stück Wandergraffiti. Und mit ihnen jeweils sieben Schülerinnen und Schüler aus dem Lessing-Gymnasium und der Oberschule Am Holländer. Es ist ein Versuch der Annäherung zwischen den Schülern, die sonst sehr wenig miteinander zu tun haben. Und es passt zum Thema der Aktion.

Bei der soll es nämlich um Vorurteile und Schubladendenken gehen. Und Vorurteile, so Michelle Finsel-Mitschke, gibt es auch vonseiten der Gymnasiasten gegenüber den Oberschülern und umgekehrt. „Das merke ich im eigenen Freundeskreis“, sagt die Schülerin. Meist bilden sich Freundschaften nur innerhalb einer Schule. Und auch am Morgen der Kunstaktion standen die jungen Leute erst säuberlich getrennt in Grüppchen. Das wurde aber schnell aufgelöst. An den Tischen arbeiteten abwechselnd Oberschüler neben Gymnasiasten und teilen sich die Farbdosen.

Unter Anleitung des Ehrenberger Künstlers Jens Ossada setzen die Schüler ihre Ideen in Bilder um. Die Tafeln, die dabei gestaltet werden, enthalten jeweils einen Buchstaben. Zusammengesetzt ergeben sie das Wort „Schubladendenken“, erzählt Michelle Finsel-Mitschke. Das Graffiti soll zuerst im Gymnasium und danach in der Oberschule gezeigt werden, später möglichst noch im Rathaus. „Es wandert ein Jahr. Und dann bekommt jeder Jugendliche seine Tafel zurück“, sagte Nicole Schütze.

Der Verein Agenda 21 bekommt für die Aktionen mit den Jugendlichen Geld aus dem Bundesprogramm Lokaler Aktionsplan „Toleranz ist ein Kinderspiel“. Für den gesamten Landkreis Mittelsachsen stehen 7 000 Euro zur Verfügung, sagte Nicole Schütze. Bei Kunst- und anderen Aktionen mit jungen Leuten soll es nicht bleiben. Ziel sei es, in Döbeln eine Jugend-Ideenkonferenz zu installieren, in der jungen Leute aus ihrem Blickwinkel Vorschläge zur Entwicklung der Stadt liefern. „Wir stellen uns regelmäßige Runden mit Mitglieder des Stadtrates und der Stadtverwaltung vor“, sagte Nicole Schütze. Bisher sei aber noch kein Termin dafür festgelegt worden.

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
06.10.18


Mit Graffiti-Projekt wollen sich Döbelner Jugendliche vernetzen

Mit dem gemeinsamen Gestalten eines Graffiti-Kunstwerkes begann sich am Donnerstag die „Jugend von morgen“ zu vernetzen. Je sieben Schüler der Oberschule Am Holländer und des Lessing-Gymnasiums gestalteten mit dem freischaffenden Künstler Jens Ossada gemeinsam je eine Leinwand mit einem Graffiti. Aus insgesamt 15 Tafeln entstand so ein Gesamtkunstwerk unter dem Leitmotiv „Schubladendenken“. „Hinter dem gemeinsamen Grafitti-Kunstwerk steckt noch viel mehr“, erzählen Michelle Finsel-Mitschke und Anna-Lina Matz. Die beiden Zwölftklässlerinnen des Lessing-Gymnasiums haben mit Unterstützung von Nicole Schütze vom Verein Freiberger Agenda 21 in Döbeln die Interessengruppe „Jugend für Morgen“ gegründet.

Anna-Lina Matz und Michelle Finsel-Mitschke (v.l.) sowie der Künstler Jens Ossada haben den Graffiti-Projekt-Tag organisiert. Ziel ist es, Schüler verschiedener Schulen in Döbeln für eine regelmäßige Jugendideenkonferenz zu vernetzen. Foto: Sven Bartsch


In dieser Gruppe wollen sie parteiunabhängig Jugendliche vernetzen und die jungen Leute an demokratischen Prozessen in der Stadt beteiligen. „Wir stellen uns das so vor, die interessierten Jugendlichen unserer Stadt regelmäßig an einen Tisch zu bringen. Aller paar Monate würden dann aus einer Art „Jugendideeenkonferenz“ die Anliegen der Kinder und Jugendlichen an den Stadtrat und seine Gremien herangetragen“, schildern Michelle und Anna-Lina. Ihre Idee haben die beiden Mädchen bereits im Hauptausschuss des Stadtrates vorgestellt. Sie waren dabei auf Wohlwollen gestoßen.

Nicole Schütze unterstützt sie dabei. Ihr Verein Freiberger Agenda 21 betreut im Auftrag des Landratsamtes bereits Jugendforen und Jugendparlamente in anderen Städten des Landkreises im Rahmen des Aktionsplanes: „Toleranz ist kein Kinderspiel“. Gefördert werden die Projekte aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“.

Mit dem „Wander-Graffiti“ vom Donnerstag wollen die Jugendlichen als erstes einmal Vorurteile abbauen. „Wir haben festgestellt, dass es zwischen Oberschülern und Gymnasiasten viele Vorurteile gibt. Dieses Schubladendenken wollen wir aufweichen. Wir sind alle Jugendliche, ganz gleich ob wir Oberschule, Gymnasium oder Förderschule besuchen“, sagt Michelle Finsel-Mitschke. Das Graffiti aus 15 Tafeln zum Thema Schubladendenken wird nun am Gymnasium, anschließend an der Oberschule und danach vielleicht im Rathaus ausgestellt.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
06.10.2018

Kommentar

Demokratie für junge Leute

In Freiberg gibt es seit 20 Jahren ein Jugendparlament, das die Themen junger Leute an die Entscheider im Stadtrat heranträgt. Auch in anderen Städten gibt es Jugendgremien, die junge Menschen an demokratischen Prozessen auf kommunaler Ebene beteiligen. In Döbeln fehlte diese Jugendbeteiligung bisher. Junge Leute von Oberschule und Gymnasium haben jetzt den Anfang gemacht und sich als Gruppe im Döbelner Hauptausschuss vorgestellt.

Irgendwie wird es auch Zeit, dass sich junge Döbelner und gewählte Stadträte finden. Bisher waren Jugendthemen ganz schnell in die Mangel von Parteiengeplänkel gekommen. Etwa, wenn der Treibhausverein jährlich einen kleinen Prozentsatz Fördergeld von der Stadt beantragt, um vom Kulturraum mit 95 Prozent als Jugendkultureinrichtung gefördert zu werden. Dann zeigten zuletzt im Stadtrat die Konservativen die Zähne und stritten, ohne dass es um das Anliegen selbst ging.

Mit einer überparteilich angelegten Ideenkonferenz, welche die 17-Jährigen nun mit Beteiligung von Schülern aller Schularten anschieben wollen, könnte Politik für junge Leute künftig besser gelingen. Das ist überlebenswichtig für die Demokratie. Junge Menschen müssen feststellen, dass ihre Stimme gehört wird, auch wenn sie noch kein Wahlrecht haben. Auch die Mühen der Demokratie lernen sie so zu verstehen. Denn es dauert, bis eine Idee zur Mehrheitsentscheidung findet. Doch nur durch Demokratieverständnis werden die Dummschwätzer, welche die Demokratie gänzlich in Frage stellen, endlich wieder zur Randerscheinung.

 


„Jugend für Morgen" will Döbelner Jugendleben verbessern


„Wir wollen für die Jugendlichen der Stadt etwas verbessern", stellt Michelle Finsel-Mitschke klar: „Wir wollen aktiv sein. Nicht nur meckern, sondern machen!"
Das kann die 17-Jährige in Döbeln in der Interessengruppe „Jugend für Morgen", die zu Beginn des Jahres im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben" gegründet wurde und sich aktuell noch im Aufbau befindet - als Zusammenschluss von Jugend, um die Jugendlichen in Döbeln und Umgebung zu verbinden. Auch die gleichaltrige Anna-Lina Matz sprüht vor Elan. Genau wie Michelle besucht auch sie aktuell die 12. Klasse des Lessing-Gymnasiums.

Sprayen gegen Vorurteile, v. I.: Anna-Lina Matz, Michelle Finsel-Mitschke und Jens Ossada freuen sich auf den Aktionstag am 4. Oktober im Volkshaus in Döbeln.


„Wir wollen den Jugendlichen Raum für eigene Ideen bieten, damit sie auch selbst aktiv sein können", sagt sie. Unterstützt werden die Döbelner Jugendlichen vom Freiberger AGENDA 21 e. V., die in anderen mittelsächsischen Städten wie in Freiberg bereits Jugendforen koordiniert und berät. Auch wenn „Jugend für Morgen" in Döbeln noch in den Kinderschuhen steckt, haben die beiden Schülerinnen klare Vorstellungen, was sie verändern wollen. .Wir sehen uns als Verbindungsglied zwischen Jugend und Stadt. Unser Ziel ist eine große Jugendideenkonferenz", erklärt Michelle. Dafür wurden bereits Kontakte ins Döbelner Rathaus geknüpft. Auf Initiative von „Jugend für Morgen" findet am Donnerstag, 4. Oktober, im Volkshaus im Rahmen des lokalen Aktionsplans „Toleranz ist ein Kinderspiel" ein Aktionstag statt. Unter dem Thema „Vorurteile, Schublade, Schwarz-Weiß-Denken" wollen sieben Schüler vom Lessing-Gymnasium und sieben Schüler von der Schule „Am Holländer“ zwischen 9 und 14 Uhr ein „Wandergraffiti" erstellen. Jeder Teilnehmer soll eine 70 cm x 1 Meter große Leinwand mit Sprühdosen gestalten und dabei seiner Kreativität freien Lauf lassen. Angeleitet werden die Schüler dabei vom Kriebsteiner Künstler Jens Ossada. Im Rahmen dieses Projektes sollen auch Vorurteile zwischen dem Gymnasium und der Mittelschule abgebaut werden. „Die Vorurteile zwischen den Schülern der einzelnen Schulen sind ein großes Problem. Die versuchen wir aufzubrechen. Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen", erklärt Michelle. Die entstehenden Bilder sollen am Ende zusammengefügt werden und als Ganzes durch die Stadt „wandern" – als Wandergraffiti. Unter anderem soll das Gemeinschafts-Kunstwerk demnächst in beiden Schulen und im Rathaus zu sehen sein. Auch Jens Ossada freut sich über das Engagement der Döbelner Jugendlichen: „Es ist wichtig, dass man sich nicht mit Vorurteilen zufrieden gibt und diese hinnimmt. Bei aller individuellen Kreativität soll bei dem Aktionstag am Ende ein Gemeinschaftswerk entstehen."
AN

Döbelner Rundschau
Ausg. 40 / 27. Jg.
03.10.2018


Fotoimpressionen vom Workshop

Fotos: Nicole Schütze