26.11. Agenten und ein ganz besonderer Gast

Geschlechtergetrennte Workshops zeigen Sechstklässlern, was in der Pubertät mit ihnen passiert

In einem Klassenraum im Obergeschoss der Körnerplatzschule machten sich in der vergangenen Woche jeden Tag die Jungen der vier sechsten Klassen des Lessing-Gymnasiums als „Agenten auf den Weg“. Begleitet von einem männlichen Sozialpädagogen schlüpften die zehn- bis zwölfjährigen Jungen in die Rolle der Spermien, um spielerisch und altersgerecht in einem jeweils sechsstündigen Workshop zu lernen, was während der Pubertät in ihrem Körper geschieht, wenn sie sich vom Jungen zum Mann entwickeln.

In einer entspannten Mädelsrunde begleitet Sozialpädagogin Susann Oßmann (m.) die Sechstklässlerinnen durch die altersgerechte, anschauliche und wertschätzende Darstellung des weiblichen Zyklusgeschehens. Foto: Thomas Sparrer

Im geschützten Klassenraum gegenüber begleitete Susann Oßmann, Sozialpädagogin und Leiterin der regionalen MFM-Zentrale am Leipziger St. Elisabeth-Krankenhaus, die Mädchen der sechsten Klassen durch die „Zyklusshow“. „Es geht um ein ganzheitliche, anschauliche und liebevolle Darstellung des weiblichen Zyklusgeschehens“, erklärt sie. Dabei erleben die Mädchen in einem sechsstündigen Workshop mit Hilfe der Bühne des Lebens die Vorgänge in ihrem eigenen Körper. Auf mitgebrachten Kissen sitzen sie auf dem Boden und haben aus bunten Tüchern eine Gebärmutter geformt. Das ist das Luxushotel „Neues Leben“, das sich auf einen besonderen Gast vorbereitet, der kommen könnte. Kommt der Gast nicht, wird das Zimmer wieder ausgeräumt und im nächsten Zyklus wieder für den speziellen Gast vorbereitet.

„Wir wollen den Jungen und Mädchen gern zeigen, dass ihr Körper keine Blackbox ist und ihnen Körperkompetenz vermitteln“, sagt Susan Oßmer. Der Zeitpunkt in Klasse 6 ist wohl gewählt. Zum einen weil die Pubertät beginnt. „Zum anderen bekommen die Mädchen im Durchschnitt mit 12,9 Jahren zum ersten Mal ihre Periode. Darauf wollen wir sie gern über den Biologie-Unterricht hinaus, liebevoll vorbereiten und das Thema für sie positiv besetzen“, erklärt die Sozialpädagogin. Ihr Arbeitgeber der Verein MFM My Fertility Matters führte 2017 deutschlandweit mit 216 Referentinnen 1700 dieser Workshops durch und erreichte damit allein 22 000 Mädchen. Seit zehn Jahren finden diese Workshops in den sechsten Klassen am Lessing-Gymnasium statt.

Vorgeschaltet ist seit zehn Jahren immer ein Elternabend in denen die Workshops „Zyklusshow“ und „Agenten auf dem Weg“ den Eltern und Lehrern erklärt werden. „Das sorgt für gegenseitiges Verständnis, Transparenz und soll eine Gesprächsbasis zwischen Eltern, Kindern und Lehrern herstellen“, sagt Susann Oßmann, die den Elternabend im Vorfeld am Gymnasium leitete. Die Inhalte der beiden Workshops gehen auf die Ärztin Dr. Elisabeth Raith-Paula zurück, die vor 25 Jahren ihre Doktorarbeit über alles schrieb, was eine Frau über ihren Körper wissen kann. Dieses Basiswissen wollte sie gern weitergeben, in einer Weise, die den Mädchen und Frauen hilft mit ihrem Körper liebevoller und vertrauter zu leben. Daraus entstand das MFM-Projekt mittlerweile für beide Geschlechter, das der Verein MFM Deutschland e.V. seit 1999 über 13 Regionale MFM-Zentralen in Deutschland anbietet und seitdem 400 000 junge Menschen erreichte. Die regionalen Anlaufstellen befinden sich in freier Trägerschaft der katholischen Bistümer. Die Referentinnen sind freiberuflich und konfessionsunabhängig für den Verein tätig.

„Unser satzungsgemäßes Ziel ist es, die Menschen gemäß unseres Leitgedankens: ,Nur was ich schätze, kann ich schützen’ in allen Lebensphasen dabei zu unterstützen, einen positiven Bezug zu ihrem Körper zu entwickeln“, sagt der Verein über sich.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
26.11.2019

Kommentar

Ins Leben übersetztes Wissen

Biologie-Unterricht muss sich meist darauf beschränken, beiden Geschlechtern Faktenwissen zu vermitteln. Dieses Wissen ins Leben pubertierender Sechstklässler zu übersetzen, hat sich das Lessing-Gymnasium Döbeln mit Unterstützung des Kreis-Gesundheitsamtes seit Jahren auf die Fahne geschrieben. Mit dem Verein MFM Deutschland holen sich die Biolehrer in Ergänzung des Unterrichtsstoffes kompetente Partner ins Boot, die den Jungen und Mädchen in getrennten Workshops Lebenskompetenz und Bewusstsein für den eigenen Körper vermitteln. Das ist ein Zusatzangebot, das es an allen Schulen und in allen Altersstufen noch vielmehr geben sollte. Das, was da mit den Kindern in der Pubertät beim Erwachsenwerden passiert, verstehen sie oft selbst nicht. Auch Eltern haben es da oft nicht leicht. Klar hat man das in Bio gehabt. Aber wie erklärt man den Mädchen die Periode und den Jungs Stimmbruch, Bartwuchs und vieles mehr und schafft es dabei, dass sie sich, ihres Körpers und all dieses Geschehens annehmen und es wertschätzen. Solche von Medizinern und Sozialpädagogen erdachten Zusatzangebote schaffen Wissen statt Halbwissen. Nur wer seinen Körper kennt, kann ihn wertschätzen. Dieser Aspekt hilft, körperlich und seelisch gesund zu bleiben. Zudem kann das dazu beitragen, später ungewollte Frühschwangerschaften zu vermeiden.