09.05. So wurde Döbeln 1945 zur goldenen Stadt

Zum 75. Mal jährte sich gestern das Ende des Zweiten Weltkrieges. Diesem geschichtlichen Fakt hauchten Zwölftklässler des Leistungskurses Geschichte am Lessing-Gymnasium Leben ein. Sie forschten in Archiven und anhand von Einzelschicksalen und Zeitzeugen über das Kriegsende in Döbeln und stellten ihre Geschichten zur Geschichte im Februar im Rathaussaal vor. Auch die Döbelner Heimatfreunde und die DAZ erinnerten in zahlreichen Veröffentlichungen an diese Tage vor nunmehr 75 Jahren.

Echte Teamleistung - alle Schüler des Leistungskurses Geschichte beteiligten sich an der Projektpräsentation

2149 Tage Krieg lagen am 6. Mai 1945 hinter den Döbelnern. Jeder dieser Kriegstage forderte statistisch 1045 Menschenleben zitierte Heimatfreund Jürgen Dettmer bei anderer Gelegenheit ein amerikanisches Flugblatt. Anfang 1945 war es über Döbeln abgeworfen worden. Die Amerikaner riefen die deutsche Bevölkerung zum Widerstand gegen die Nazis und den längst verlorenen Krieg auf. Doch ab April bewachte der Volkssturm die Brücken. Unter der Eisenbahnbrücke wurde eine Bombe scharf gemacht. Am 26.  April wurden alle Brücken in die Stadt mit Wagen voller Steine blockiert und vermint.

Wieviel Fanatismus und Glaube an den Endsieg kurz vor Kriegsende auch in Döbeln noch vorherrschten, zeigten die Schüler des Gymnasiums am Schicksal von Fleischermeister Albert Wünsch. Dazu hatten sie sein zugewachsenes Grab auf dem Niederfriedhof besucht und im Chemnitzer Gerichtsarchiv recherchiert. Der Großbauchlitzer war im April 1945 unerlaubt von der Front heimgekehrt und wurde vom örtlichen Polizisten Willi Baatz angezeigt. Kampfkommandant Adler ließ ihn auf dem Schießplatz in den Klostergärten wegen Wehrkraftzersetzung erschießen. Sein Verräter Willi Baatz wurde 1947 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Herbert Näcke sorgte am 6. Mai 1945 dafür, dass Döbeln kampflos übergeben wurde. Foto: Sachsenkurier/DAZ

Am 6. Mai 1945 standen sich östlich und westlich von Döbeln Amerikaner und Russen im Abstand von sieben Kilometern gegenüber. Beherzte Döbelner Bürger wie Herbert Näcke, Georg Hohmann und Karl Krötel bemühten sich um eine friedliche Übergabe der Stadt. Sie sorgten dafür, dass Panzersperren abgebaut werden. Herbert Näcke fuhr den Russen auf seinem Motorrad mit einer Parlamentärsflagge entgegen. Es gelang ihnen, die Russen an diesem Tag gegen 14 Uhr ohne Zwischenfälle zum Rathaus zu geleiten und die Stadt kampflos zu übergeben. Pia Wittrin und Franka Hoyer dokumentierten die Geschichte des mutigen Elektromeisters Herbert Näcke in ihrem Geschichtsprojekt in Form eines fiktiven Monologes. Sie hielten sich dabei genau an die Überlieferungen. Herbert Näcke sorgte schlussendlich dafür, dass Döbeln kampflos und damit ohne Tote, Verletzte und Zerstörungen der Roten Armee übergeben wurde. Solche unzerstörten Orte wurden damals goldene Städte genannt.

Während beherzte Bürger die Panzersperren an einigen Straßen in Döbeln beseitigt hatten, blieb die an der Großbauchlitzer Mühle am 6. Mai 1945 immer noch geschlossen. Die Sowjets erkannten darin den Verteidigungswillen und stellten sich zwischen Zschepplitz und Bauchlitz zum Angriff auf. An der Einmündung der Grimmaischen in die Leipziger Straße traf Herbert Näcke auf die Spitze der russischen Vorhut. Er wurde von einer Instanz zur nächsten weitergeleitet, während die Rote Armee Geschütze in Stellung brachte.

Schließlich fuhr eine Vorausabteilung mit Herbert Näcke bis zum Döbelner Rathaus vor. Überall wurden jetzt weiße Fahnen gehisst. Das Rathaus war verschlossen. Oberbürgermeister und Polizeihauptmann waren verschwunden. Mit Stadtrat Röher im Zimmer 7 wurde die Übergabe der Stadt verhandelt. Der sowjetische Kommandant gab die ersten Verordnungen bekannt, die wenig später in der Druckerei Thallwitz vervielfältigt und flächendeckend angeheftet wurden. Die kommissarische Verwaltung der Stadt übergab der Kommandant an Stadtrat Röher und Herbert Näcke. Am Nachmittag des 6. Mai 1945 zog die Rote Armee mit berittener Vorhut, schweren Kampfwagen und Fußvolk auf der Bahnhofstraße ein. „An der Südecke der Friedrichstraße begrüßte eine Schwester vom Roten Kreuz und ein Schulknabe die Soldaten mit Blumen“, erinnert sich der Chronist Emil Reinhold.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
09.05.2020