17.03. Der Unangepasste geht in Rente

Claus Vejrazka hat zwei Generationen Schülern die Kunst nahegebracht. Zu Beginn sorgte er für Aufsehen.

Von Jens Hoyer

Als die Eltern der Klasse 5a im Spätsommer 1977 vom ersten Elternabend des neuen Schuljahres aus der Paul-Rockstroh-Oberschule Roßwein zurückkamen, waren sie überrascht. Nein – seien wir ehrlich – sie waren wohl eher entsetzt. Der neue Klassenlehrer der 5a hatte sich vorgestellt. Gerade fertig mit dem Studium, ein hoch aufgeschossener Mensch mit langen Haare und Vollbart. Nicht das, was sich der Roßweiner damals unter einem Lehrer vorstellte. Ich, Schüler dieser Klasse, erinnere mich noch an eine selbstgenähte Weste mit aufgestickter Blume und an einen Lehrer, der immer ein bisschen Ironie durchklingen ließ, der schwarzen Humor und Theatralik liebte. Und der auch mal entnervt den riesigen Schlüsselbund schmiss, wenn ein Schüler unbedingt stören musste. Dieser Lehrer diktierte uns damals als erstes seinen Namen, den er von einem Vorfahren aus dem Tschechischen mitbekommen hatte: Vejrazka, Vorname Claus mit C.

Claus Vejrazka weiß von der Wirkung, die er damals auf die Menschen hatte und muss lachen. Dass da ein schräger Typ in Roßwein unterrichtet, habe sogar ein Cousin in Karl-Marx-Stadt erfahren. „Ich fand mich normal. Ich war an der Hochschule nur ein bisschen aufgefallen, weil ich in diesem Aufzug auch in die Prüfungen gegangen bin.“

Den Vollbart hat er immer noch, weiß geworden mittlerweile und sorgfältig gestutzt. Die Haare sind immer noch länger, als man es bei einem 65-Jährigen erwartet. Wir sitzen in seinem Kabinett im Dachgeschoss des Kunstgebäudes des Lessing-Gymnasiums. Große Dachfenster nach Norden. Das Atelier wird er vermissen, sagt Claus Vejrazka. Ende des Monats geht er in Rente. Nicht mit allzu viel Wehmut. „Es macht noch Spaß, aber die Kräfte lassen nach.“ Ihm falle alles schwerer als noch mit 35, sagt er. „Ich denke, ich habe meinen Teil getan. Man muss die Skepsis der Schüler gegenüber der Kunst immer wieder aufbrechen.“

Obwohl Claus Vejrazka sicher nicht dem Bild von einer veritablen Persönlichkeit der allseits entwickelten sozialistischen Gesellschaft entsprach, hat er zu DDR-Zeiten auch nie Nachteile gehabt, erzählt er. Er wurde in Ruhe gelassen. „Ich habe wohl nicht allzu viel Schaden angerichtet.“ Das obligatorische Erich-Honecker-Porträt in seinem Kunst-Klassenzimmer hatte er irgendwann gegen ein Selbstporträt getauscht, ohne dass es jemand monierte. In der SED oder einer Blockpartei war er nie. „Der Parteisekretär hatte mal gesagt, dass er mich gern werben würde, aber man habe Intelligenzsperre“, erzählt er. Weil die SED eine Arbeiter- und Bauernpartei war, ging dieser Kelch an ihm vorüber. „Ich bin auch nie mit unserem Schuldirektor aneinandergeraten, auch wenn ich das Ziel der militärischen Nachwuchsgewinnung nicht erfüllt habe.“

Lehrer werden, das wollte der Dresdner nicht von Anfang an. Er interessierte sich für Biologie und war beim Dresdner Zoodirektor Wolfgang Ullrich, um sich darüber zu informieren. Er besuchte in Tharandt die Forstakademie, weil auch Förster eine Option gewesen wäre. „Ich habe mich auch an der Schauspielschule in Berlin beworben, bin aber durchgefallen“, erzählt er. Es wurde ein Lehrerstudium. Von Bio/Chemie orientierte er sich um auf Kunst und Deutsch. „Es gibt schon Kinderzeichnungen von mir. Ich hatte Onkel, die gut zeichnen konnten und mich gefördert haben.“ Der Dresdner kam nach dem Studium nach Roßwein und wollte auch nicht wieder weg. Es lebt sich ruhiger in der Provinz und Dresden ist nicht weit.

Unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt in den Jahrzehnten. Nicht nur bei Klassentreffen, zu denen Claus Vejrazka gerne kommt. Nach der Wende wurde er Leiter seiner Schule in Roßwein. „Es gab einen Lehrerrat an der Schule. Als es hieß, einer muss den Direktor machen, haben mich alle erwartungsvoll angeschaut“, erzählt Vejrazka. Nach zwei Jahren war es damit schon wieder vorbei, denn aus der Oberschule wurde eine Grundschule. „Aber diese Zeit war keine schlechte Erfahrung. Danach sieht man manche Dinge mit anderen Augen.“

Vejrazka bekam das Angebot, nach Döbeln ans Gymnasium zu wechseln. Hier unterrichtet er seit vielen Jahren nur noch Kunst und entwarf auch lange die Ausstattung und Kulissen für Stücke der Theater-AG. Verliebt hat er sich in die technischen Möglichkeiten der Neuzeit: nämlich in das Smartboard, das anstelle der Tafel im Kunstkabinett hängt. Seine letzte Ausstellung in Roßwein bestand nur aus Bildern, die am Computer entstanden sind. Die Kunst wird auch im Ruhestand eine wichtige Rolle spielen, auch wenn er da erst einmal etwas kürzer treten will, erzählt er. „Die nächste Ausstellung mache ich dann vielleicht zum 70. Geburtstag. In den Schaukelstuhl werde ich mich bestimmt nicht setzen.“ Reisen steht auf dem Programm und vielleicht die eine oder andere Radtour mit Ehefrau Irmtraud.

Claus Vejrazka zählt schon die Stunden – in seinem Falle die Unterrichtsstunden. Am Montag wird er in der Dienstberatung verabschiedet. Am 28. März ist sein letzter Arbeitstag. Einen Nachfolger gibt es nicht, aber drei junge Lehrerinnen, die Kunst unterrichten können. Der Schule hinterlässt er einen Wandfries. Auf vier Bildern lässt sich aus immer abstrakteren Buchstaben dasselbe Wort zusammensetzen: „Lehrerzimmer.“ Und dort wird er auch hängen.

DA 17.03.18

Claus Vejrazka steht im Kunstkabinett mit einer seiner Arbeiten. Im Hintergrund ist der Wandfries zu sehen, den er der Schule hinterlassen wird. Seit 1977 arbeitet er als Lehrer. Jetzt geht er mit 65 Jahren in Rente. André Braun

Abschied von der Traum-Arbeitsstelle

Claus Vejrazka verabschiedet sich nach 40 Jahren als Kunstlehrer und 25 Jahren am Döbelner Lessing-Gymnasium in den Ruhestand. In einer Woche sitzt der bekennende Nicht-Autofahrer zum letzten Mal im Bus zur Arbeit nach Döbeln. Er freut sich auf mehr Zeit für die vielen anderen Interessen. Für die sächsische Bildungspolitik hat er einen deutlichen Abschiedsgruß.

VON SEBASTIAN FINK

Eine Woche lange genießt Claus Vejrazka noch die tollen Arbeitbedingungen im Kunstatelier des Döbelner Lessing-Gymnasiums. Doch die Freude über den Ruhestand überwiegt. Foto: Sven Bartsch

Geht einer nach 40 Jahren Dienst in den Ruhestand, kann bisweilen Wehmut eine Rolle spielen. Vielleicht das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, sich neue Beschäftigungen suchen zu müssen. Bei Claus Vejrazka ist das anders. Er freut sich auf seinen letzten Arbeitstag heute in einer Woche. Nicht dass er der Schule gern den Rücken kehrt. Es scheint mehr so, als sei seine Lehrer-Geschichte auserzählt und nun beginne ein neues Kapitel.

Was darin stehen soll, weiß der gebürtige Dresdner auch schon. „Wir warten schon ein Weilchen darauf, uns etwas unabhängiger von Stundenplan und Klingelzeichen zu bewegen“, sagt er über sich und seine Frau – ebenfalls Lehrerin, aber bereits pensioniert. „Wir machen eigentlich nichts anderes als sonst in unserer Freizeit: Kunst, Kultur, Museen, Reisen. Wir haben ja hier alles vor Ort – das Theater in Döbeln, viele Konzerte. Jetzt kann man eben auch mal an einem Tag gehen, wo sonst noch eine dringende Korrektur anstand“, meint er.

Und nachdem das Paar in jüngeren Jahren andere Kontinente erforscht hat, soll nun Deutschland verstärkt erkundet werden. „Wir haben so viel noch nicht gesehen. Man muss sehr alt werden und gesund bleiben, um das alles zu schaffen“, sagt Vejrazka. Bisher ist ihm das ganz gut gelungen, obwohl er sich selbst als „Sportallergiker“ bezeichnet. Die Hobbys Radfahren und Wandern kommen ihm hier zu Gute.

In die Natur hat es ihn schon früh gezogen. Die Berufswahl Lehrer für Kunst und Deutsch, das er seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr unterrichtet, stand daher keinesfalls sofort fest. „Ich habe mich auch in der Biologie und Zoologie versucht, auch das Forstwesen hat mich interessiert“, sagt Vejrazka. Auch ein ganz anderer Lebensweg wäre denkbar gewesen. „Ich bin auch mal an der Schauspielschule in Berlin durchgefallen. Aber da hatte ich meinen Studienplatz fürs Lehramt in Dresden schon. Vielleicht haben sich die Hochschulen da untereinander abgesprochen“, sagt er und lacht.

Die Wahl des Berufes sei letztlich nicht entscheidend für das Lebensglück gewesen. „Ich hätte woanders auch meine Erfüllung gefunden, aber Lehrer zu werden, war kein Notnagel. In der Schule kann man viel machen. In Roßwein hatte ich eine AG Puppenspiel und als Klassenleiter habe ich Kabarettaufführungen mit meinen Schülern gemacht“, berichtet er.

1977 schließt Claus Vejrazka das Studium ab, wird anschließend „durch den Verteilerschlüssel der DDR“, wie er sagt, nach Roßwein delegiert. Damals ist die Schule am Weinberg noch eine polytechnische Oberschule mit zehn Klassen und Der Dresdner unterrichtet Kunst und Deutsch, wird nach der Wiedervereinigung sogar für zwei Jahre Schulleiter, bevor die Einrichtung zur Grundschule umgebildet wird.

Daraufhin wechselt er ans Döbelner Lessing-Gymnasium, bleibt aber in Roßwein wohnen. „Ich hatte meine Frau gleich in der ersten Schulwoche kennengelernt und blieb da. Nach 40 Jahren in Roßwein gehöre ich jetzt zum Naturschutzgebiet“, sagt er wieder lachend.

Von 1992 an sitzt er täglich im Zug von Roßwein nach Döbeln. „Wir sind autofrei, haben beide keine Fahrerlaubnis, sind mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aber immer gut vorwärts gekommen“, sagt er. Seit der Einstellung des Zugverkehrs zwischen Döbeln und Roßwein ist das allerdings schwieriger geworden. Claus Vejrazka fährt stattdessen mit dem Bus. Das Ende der Bahnstrecke sieht er „analog zur sächsischen Bildungspolitik“ sehr kritisch.

„Über die Bildungspolitik könnte man pausenlos Schreikrämpfe kriegen. Gerade im Zeitalter der Computer, wo man genau sieht, wie viele Lehrer ausgebildet wurden. Dass ein Finanzminister hier so viel Einfluss auf das Bildungsbudget hatte, war fast ein Verbrechen an der jungen Generation“, meint Vejrazka. Dass er die für 2019 angekündigte Verbeamtung von Lehrern verpasst, stört ihn nicht. „Ich sehe das nicht als Dreh- und Angelpunkt, damit junge Leute hier bleiben. Es hat ja nicht nur Vorteile, Beamter zu sein. Man kann auch irgendwohin delegiert werden. Von der Ungerechtigkeit im Lehrerzimmer zu den älteren Kollegen einmal abgesehen. Da kann man nur sein greises Haupt schütteln und froh sein, dass man sein graues Haar schon hat“, sagt er.

Großes Lob spricht Claus Vejrazka zum Abschied dagegen seiner Schule und der Stadt Döbeln aus. „Ich hatte hier immer eine für Kunst offene Schulleitung. Und die Stadt hat viel investiert. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass Herr Egerer mit einer Lehrerin verheiratet ist, aber das Konjunkturprogramm floss hier rein“, freut er sich noch immer. Einiges hat der Lehrer auch selbst mitgestaltet. „Die Dachfenster sollten eigentlich auf beiden Seiten eingebaut werden. Ich habe durchsetzen können, dass sie nur nach Norden hin gesetzt werden, denn Sonneneinstrahlung ist im Atelier nicht gut. Die Planer haben sich gefreut, dass sie eine Reihe Fenster gespart haben. Und die Solaranlage konnte auch größer ausfallen“, erzählt er.

Seit der Umbau des Kunstgebäudes 2010 abgeschlossen wurde, habe er das Fachkabinett unterm Dach genossen. „Es gehört sicher zu den Top Fünf in Sachsen. Ich habe es besser als mein Fachberater in Chemnitz. Diese guten Bedingungen waren sicher auch ein Grund, dass ich bis zuletzt gearbeitet habe. Sie haben mich herausgefordert, etwas daraus zu machen“, sagt er.

Das bleibt nun seinen Nachfolgern an der Schule überlassen. Von seinen Schülern will er sich ab heute in verabschieden. 500 Schüler in 21 Klassen sind das. „Ich habe ja noch eine komplette Woche, da schaffe ich es noch, allen zu sagen, das wird unsere letzte Stunde.“

Den Schülern gibt er mit auf den Weg, wach und aufgeschlossen gegenüber gesellschaftlichen Problemen zu bleiben, die in seinem Kunstunterricht immer eine Rolle gespielt haben. „Bildung und Kunst sind lebensnotwendig. Man sollte alles, was man lernen kann, aufsaugen“, sagt er. Der Trend, mit möglichst wenig Aufwand möglichst erfolgreich zu sein, gefalle ihm nicht. „Manchmal sagt einer im Klassenzimmer, die Klausuren, die wir vor zehn Jahren geschrieben haben, könnten wir heute nicht mehr schreiben. Das stimmt mich traurig. Das versteht man wohl unter Generation Freizeit.“ Dieser schließt sich Claus Vejrazka unter ganz anderen Vorzeichen – nämlich verdientermaßen – ab kommender Woche nun selbst an.

DAZ 21.03.18