29.06. Gibt es doch einen Abi-Ball?

Kommt keine zweite Corona-Welle, könnte im September doch gefeiert werden. Doch es gibt auch Skeptiker.

Ab Oktober will Philipp Holtmann Raum- und Luftfahrttechnik studieren. Dass der Abi-Ball des Lessing-Gymnasiums in den September verschoben wird, sieht er kritisch.

„Wir beginnen einen ganz neuen Lebensabschnitt. Es fühlt sich an, als müssten wir uns noch mal nach Döbeln zurück teleportieren." Und er hat recht: Für die ehemaligen Abiturienten beginnt etwas Neues im Herbst. Sie studieren, machen eine Ausbildung, ein Freiwilliges-Soziales oder Ökologisches Jahr, gehen ins Ausland; soweit Corona das zulasst und ziehen um. Nur die wenigsten bleiben. Philipp Hoffmann will nach Stuttgart gehen. „Das ist komisch - wir setzten uns alle zusammen und sagen, dass wir vor drei Monaten Abi gemacht haben", meint der 17-jährige.

Ein Abschluss ist der Abi-Ball für ihn nicht, obwohl er das doch eigentlich sein sollte. Philipp Hoffmann findet es trotzdem gut, dass die Veranstaltung stattfinden soll. Ab dem 4. Juli sind die Döbelner Abiturienten offiziell keine Schüler mehr. Besiegelt wird diese neue Freiheit durch die Vergabe der Abitur-Zeugnisse und abends durch den berüchtigten Abi-Ball im Welwel. Doch Corona macht einen Strich durch die Rechnung.

Michelle Bayinski (von links), Jessica Cäsar (dunkle Haare), Magdalena Kröher, Emily lulok, Lili-Marie Schirmer und Sophie Starke bilden das Komitee zur Planung des Abiballs des Lessing-Gymnasiums Döbeln. Foto: Dietmar Thomas

Das Döbelner Schüler-Organisations-Team hat sich zusammen mit dem Welwel und der Schulleitung gegen den geplanten Abiball-Termin am 4. Juli entschieden. „Ein Abi-Ball mit 500 Personen, ohne tanzen, ohne Büffet ist kein Abi-Ball“, meint die Schülerin Emily Tulok. Sie organisiert zusammen mit neun weiteren Mitschülern die Veranstaltung.

An diese Richtlinien hätten sie sich halten müssen. Daher wollten sie den Ball so weit wie möglich nach hinten verschieben, in der Hoffnung, dass nach dem Sommer-Urlaub keine zweite Krankheitswelle ausbricht. Gefeiert werden könnte im Normalfall dann wahrscheinlich ohne Personenbeschränkung, mit tanzen, mit Büffet. „Wir hoffen, dass der Abiball im September ähnlich stattfinden kann wie in den vergangenen Jahren", meint die Abiturientin.

Allerdings ergeben sich daraus auch Schwierigkeiten. „Ein Problem ist definitiv, dass jetzt alles schnell organisiert werden muss", sagt Emily Tulok. So müssen beispielsweise die Karten gedruckt und verteilt werden, bevor sich der Jahrgang über den Sommer aus den Augen verliert. Da schwirren natürlich andere Gedanken durch den Kopf als der Abiball. „Außerdem muss ein Programm auf die Beine gestellt werden", äußert sich Philipp Hoffmann zu dem Sachverhalt.

Beispielsweise soll die Abi-Band spielen, zu der unter anderem Lina Krause gehört. „Wir sind gerade dabei uns einen Proben-Plan zu machen“, sagt sie. Doch auch hier entstehen Probleme. So arbeiten viele in den nächsten Wochen und Monaten unter der Woche, absolvieren Praktika, sind im Urlaub oder beginnen bereits nach den Sommerferien eine Ausbildung. „Am Ende bleibt uns nur die Möglichkeit abends zu proben, weil wir tagsüber beschäftigt sind", sagt Lina Krause. Jedoch ist die Schule, in der sie sonst proben konnten, abends geschlossen. Ein neuer Probenraum ist noch nicht in Aussicht. Dennoch: Lina Krause freut sich auf den Abiball und nimmt die entstehenden Herausforderungen gern an. „Wir haben auch echt Lust aufzutreten und ich freue mich sehr auf den Ball", meint sie. Zum Benefizkonzert im März hatte die Band ihren ersten Auftritt. Das Feedback war sehr gut.

Auch Julian Richter freut sich auf den Abiball. „Ich find es schade, dass er für den 4. Juli abgesagt wurde, aber immerhin wird er verschoben", meint der 18-jahrige Schüler. Da ist natürlich eine lange Zeit dazwischen und er fragt sich auch, ob es noch ein richtiges „Abiball-Feeling“ auf der Veranstaltung geben würde. Julian Richter spielt ebenfalls in der Abi-Band mit. Er ist einer derjenigen, die bereits am 1. September eine Ausbildung starten. „Ich will nach Leipzig ziehen und eine Ausbildung in der Uniklinik machen", sagt er. Julian Richter denkt, dass bis dahin die Proben für die Abi-Band gelaufen sein müssten. Wenn nicht, würde er wahrscheinlich nicht extra nach Döbeln kommen. Verständlich, irgendwann muss doch auch mal abgeschlossen werden mit der Schule und all ihren Verpflichtungen.

Martha Teichert hat ab September auch andere Verpflichtungen: Sic absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an der Schaubühne Lindenfels in Leipzig. Im September soll es losgehen. Trotzdem ist sie sehr glücklich, dass der Ball verschoben wird. „Das ist etwas, auf das ich mich schon jahrelang gefreut habe", sagt sie. Dennoch besteht die Ungewissheit, ob die Veranstaltung tatsächlich stattfindet. Martha Teichert betont, dass nach dem Sommerurlaub durchaus eine zweite Welle möglich wäre. „Außerdem geht durch die lange Wartezeit die ganze Euphorie verloren", meint sie. Trotzdem kann sie verstehen, dass der Ball so weit nach hinten verschoben werden musste. Sie findet es richtig, dass nicht, nur weil es Lockerungen gibt, so eine große Feier veranstaltet wird.

Schlussendlich sind die Döbelner Abiturienten trotz des großen Aufwandes froh, dass es den Abiball doch noch geben soll. Er wird kein Abschluss mehr sein, das wird eher die geplante Abifahrt Mitte Juli. Er wird eher ein Zusammentreffen zwischen Schülern und Lehrern, eine Feier, bei der sich ausgetauscht werden kann über die ersten Wochen in der Ausbildung, im FSJ oder in der neuen Wohnung.

Döbelner Anzeiger
Pia Wittrin
29.06.2020