11.07. Ein Leben auf dünnem Faden

Als Asylbewerberkind kam Levan Kanditze 2017 in die Deutschlernklasse am Lessing-Gymnasium Döbeln. Jetzt schaffte er ein gutes Abi und kann studieren. Doch die Zukunft der Familie ist ungewiss.

Dieser junge Mann ist für Michael Höhme etwas ganz besonderes. Levan Kvaditze legte am Lessing-Gymnasium in Döbeln gerade sein Abitur mit einem Durchschnitt von 2,9 ab. Für den Schulleiter ist das aber nicht einfach nur ein durchschnittlich gutes Abi. 2017 nämlich saß Levan noch in der am Gymnasium angesiedelten DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache), um sein Deutsch zu verbessern. Denn Levan und seine Familie sind Asylbewerber aus Georgien.

Mit seinem guten Abitur und dem jetzt geplanten Studium der Wirtschaftsinformatik will Levan irgendwann als Ingenieur in der Wirtschaft arbeiten, Steuern zahlen und seiner neuen Heimat Deutschland etwas dafür zurück geben, dass man ihn und seine Familie hier aufgenommen hat.

Levan Kvanditze aus Ostrau hat es geschafft. Der Georgier hat nach drei Jahren in Deutschland das Abitur. Jetzt will er Wirtschaftsinformatik studieren. Foto: Thomas Sparrer

Zu Deutschland haben Levan und seine Familie eine besondere Beziehung, denn der Vater hatte 2000 in Deutschland Betriebswirtschaftslehre studiert. So sind Levan und sein Zwillingsbruder David in Berlin geboren und besuchten dort einen deutschen Kindergarten. Dort wurden die Grundlagen der deutschen Sprache gelegt.

In Georgien lebten sie bis 2016 im gehobenen Mittelstand. Die Mutter hat Musik studiert und gab als Privatlehrerin Klavierunterricht. Der Vater gründete einen Verein, der krebskranken georgischen Kindern Behandlungen in Deutschland über Spenden organisiert und war Politiker in Georgien. 2016 kandidierte der Vater für eine Oppositionspartei für das Bürgermeisteramt. „Wir waren in Deutschland Freunde besuchen, als wir erfuhren, dass Russland in unserer Heimat die Daumenschrauben weiter angezogen hat. Freunde meines Vaters waren verhaftet worden. Er sorgte sich, ob er in der Heimat je wieder würde arbeiten können. So kehrten wir nicht zurück und beantragten Asyl“, erzählt der 19-Jährige. Russland habe sein Heimatland unter Kontrolle, es gebe viel Korruption und nur eine Scheindemokratie. Leute, wie sein Vater, die Georgien lieber unabhängig von Russland sehen möchten, hätten da keine guten Aussichten.

Die fünfköpfige Familie mit den beiden 15-jährgen Zwillingen und dem fünfjährigen Geogi kommt in eine Erstaufnahmeeinrichtung nach Dortmund, von da in ein Dresdner Asylheim. „Das war eine harte Zeit. Aber wir haben das als Familie durchgestanden und wir waren dankbar, dass wir in Deutschland bleiben konnten“, sagt er. Levan besucht schon in der Erstaufnahme den Deutschunterricht. In der DaZ-Klasse am Gymnasium, wo sich Lehrer André Kraus um Kinder aus Bulgarien, Rumänien, Russland, Afghanistan, Thailand und Syrien und ihr Deutschlernen kümmern muss, wird Levan dank seiner guten Vorkenntnisse bald langweilig. Er kann auch dank seines Realschulabschlusses aus Georgien und seiner mittlerweile guten Deutschkenntnisse in Halbjahr zwei der neunten Klasse einsteigen. Seitdem paukt er intensiv, oft bis in die Nacht, weil die Ansprüche am Gymnasium deutlich höher sind, als er sie aus seiner georgischen Schulzeit kennt. Ostrau wird das neue Zuhause der Kvanditzes. Dort werden sie heimisch. Der Vater ist aktiv in der Ortsfeuerwehr und hilft den Behörden als Dolmetscher. Die Mutter hilft im Kindergarten aus. Alles ehrenamtlich. Denn als geduldete Asylbewerber dürfen sie keiner Arbeit nachgehen. Die Mutter würde gern Einzelhandelskauffrau werden. Der Vater ein Unternehmen gründen. Levans Zwillingsbruder David schließt gerade die Regenbogenschule ab, um dann in den Roßweiner Werkstätten für Behinderte zu arbeiten. Doch im Moment wird aller drei Monate der Aufenthaltsstatus der Familie verlängert. Das Asylverfahren der Georgier ist in der zweiten Gerichtsinstanz.

Levan macht dieses Leben auf einem dünnen Faden, aber auch der Heimatverlust, psychisch zu schaffen. Der einst aktive Rugby-Spieler legte massiv Kummerspeck zu und wog im vergangenen Herbst 160 Kilo. Seit Oktober hat ihn auch in dieser Hinsicht der Ehrgeiz gepackt. Neben dem Pauken fürs Abi stellte er seine Ernährung um und schwitzt im Fitnessstudio Binder in Döbeln. 40 Kilo sind seit dem runter. Ende des Jahres will der 1,84 Meter große Levan 100 Kilo wiegen. Parallel lernt er aktuell Programmiersprachen und paukt weiter Mathe fürs Studium. Von den Unis in Köln und Paderborn hat er bereits Zusagen. Er hofft noch auf eine Zusage aus Münster Dort könnte er bei Verwandten leben. Zudem hat er ein besonderes Stipendium für erfolgreiche Flüchtlinge in Aussicht, mit dem er sich durch die Studienzeit schlagen könnte.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
11.07.2020

Kommentar

Besser zuhören und differenzieren
von Thomas Sparrer

Die Familie aus Georgien lebt mit mehr deutschen Tugenden als manche Einheimischen. Sie legt Wert auf Bildung, bringt sich in der Ostrauer Feuerwehr, im Kindergarten und in Sportvereinen für die Gemeinschaft ein. Nebenbei bewirtschaften die Neu-Ostrauer typisch deutsch einen Kleingarten, in dem aber auch nur in Georgien bekannte Kräuter, weißer Mais und georgischer Wein gedeihen. Die Familie stammt aus dem gehobenen Mittelstand. Die Eltern haben studiert. Sie verloren ihre Heimat, weil der Vater Oppositionspolitiker war und sitzen jetzt praktisch auf gepackten Koffern, weil Gerichte noch über ihren Asylstatus beraten. Statt von Stütze zu leben, würden sie gern Arbeiten gehen und Steuern zahlen. Fleißige Menschen werden immer gebraucht. Weil sie als Geduldete aber nicht Arbeiten dürfen, sind sie ehrenamtlich tätig, um etwas zurückzugeben. Zwischen der Dankbarkeit für das Recht auf Asyl in Deutschland schwingt bei dem 19-jährigen Levan völlig zurecht der Wunsch mit, dass wir hier Geborenen mehr differenzieren, zuhören und eine Chance geben.