09.01. Originaldokumente statt Wikipedia

Elftklässler des Gymnasiums stellen heimatgeschichtlichen Forschungen zum 100. Jahrestag des Kriegsendes vor

So gut besucht wie lange nicht war am Montag der stadtgeschichtliche Vortrag im Döbelner Rathaussaal, zu dem die Döbelner Heimatfreunde am Stadtarchiv eingeladen hatten. Vortragende waren dabei Schüler des Leistungskurses Geschichte der Klassenstufe 11 des Lessing-Gymnasiums und ihre Lehrerin Kathrin Niekrawietz. Heimatfreunde und Stadtarchiv hatten dem Lessing-Gymnasium schon 2017 einen kleinen Fingerzeig auf das Jubiläum 100 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges gegeben. Daraus entstand für die Elftklässler des Leistungskurses ein größeres Unterrichtprojekt. Der Erste Weltkrieg ist zwar ohnehin Lehrplanthema. Doch so in die Tiefe und vor allem so Tief in die Geschichte der Heimatregion geht das Lehrplanthema sonst nicht.

Die Lessing-Gymnasiasten stellten im Ratssaal ihre regionalen Forschungen zum Ersten Weltkrieg vor.


Die Elftklässler forschten in der Schulgeschichte. Denn auch viele Schüler und Lehrer wurden eingezogen oder meldeten sich freiwillig zum Kriegseinsatz. 174 Lessing-Schüler fielen im Ersten Weltkrieg. Dokumente aus dem Stadtarchiv, Familienalben und Feldpostbriefe von Bürgern oder aus dem Nachlass der Oma einer Schülerin wurden Mosaiksteine. „Statt wie heute üblich Wikipedia oder Google zu befragen lasen die Schüler Primärquellen und lernten damit wissenschaftlich zu arbeiten und bisher Unerforschtes zutage zu befördern“, sagt Kathrin Niekrawietz stolz.

Premiere hatte dabei auch die enge Zusammenarbeit zwischen den 16- und 17-jährigen Schülern und den älteren Heimatfreunden. Die halfen beispielsweise, die altdeutsche Schrift auf Zeitdokumenten und Feldpostbriefen zu übersetzen.


Einen kleinen Abriss ihrer Forschungen hatten einige der Schüler ins Französische übersetzt und beim Besuch einer Döbelner Delegation in der Partnerstadt Givors bei einem Festakt zum 100. Jahrestag des Kriegsendes präsentiert. Im Döbelner Rathaus zeigten die Schüler am Montagabend fast zwei Stunden lang ihre Forschungsergebnisse, berichteten anhand von Dokumenten und alten Butterkarten, welche Auswirkungen und Stimmungen der Krieg etwa im Jahre 1916 hatte. Die Schüler hatten zudem mit dem Döbelner Horst Schlegel das Schicksal von dessen Vater Max im Ersten Weltkrieg erforscht. Greifbar wurde das Thema auch durch die Forschungen zum jungen Döbelner Johannes Maune oder zum ehemaligen Gymnasiasten Felix Gleisberg, der mit 24 gemeinsam mit seinem Freund und Kriegskameraden Walter Polster (19) fiel. Beide sind noch heute auf einem von Lessing-Schülern gestifteten Grabmal auf dem Niederfriedhof verewigt.

Eingebettet wurde das Ganze in Informationen zur Döbelner Militärgeschichte als Garnisonstadt. Sehr ausführlich forschten die Schüler auch zu den zahlreichen bestehenden und nicht mehr bestehenden Kriegerdenkmalen in Döbeln. Sie zeigten Fotos von dem größten vom Bildhauer Otto Rost geschaffenen Kriegerdenkmal auf dem Geyersberg, bauten in einer Grafik die 2014 im Bauhof aufgetauchten Teile des Denkmals in ein historisches Foto ein. Auch das für Kriegsspenden geschaffene Nagelwappen im Rathausflut erforschten die Schüler ausführlich. Die Forschungsergebnisse sollen später als Broschüre herausgegeben werden.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
09.12.2019

Zahlreiche Besucher folgten den Vorträgen der Schüler.

Kommentar

Frieden ist unbezahlbar
von Thomas Sparrer

Jeder Krieg hat seinen Preis. Und der ist unermesslich. In Döbeln und Umgebung kostete der Erste Weltkrieg 2500 Menschen das Leben, über 7000 Döbelner wurden verletzt, je 700 blieben vermisst oder wurden gefangen genommen. 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges forschten Döbelner Gymnasiasten dazu im Stadtarchiv, in Dokumenten und Feldpostbriefen. Sie fanden Bilder längst abgerissener Denkmäler und sie tauchten ein in ganz persönliche Kriegsschicksale zum Teil von Menschen ihres Alters. Allein von ihrer Schule starben 174 Schüler und Lehrer als Soldaten in diesem Krieg. Statt für die Abschlussprüfung zu pauken, wurden für die Schüler-Soldaten schnell Notreifeprüfungen abgehalten.

Bis heute erinnert ein Denkmal vor der Schule an die Kriegsopfer unter Schülern und Lehrern. Für die heutigen Schüler ist Frieden dagegen eine Selbstverständlichkeit, über die viele gar nicht mehr nachdenken. Doch es ist gut, wenn genau dieses Nachdenken immer mal wieder angeregt wird. Damals war ganz Europa miteinander im Krieg. Heute ist Europa über den Soldatengräbern in Frieden vereint. Das ist unbezahlbar.