05.02. Fleischermeister verraten und erschossen

Schüler des Lessing-Gymnasiums berichten vom tödlichen Verrat, von Schülerschicksalen, einem gefeierten Döbelner U-Boot-Kommandanten und von einem bis heute nicht gewürdigten Döbelner Helden.

Zum 75. Mal jährt sich das Ende des zweiten Weltkrieges in diesem Jahr. Diesem geschichtlichen Fakt hauchten Zwölftklässler des Leistungskurses Geschichte am Lessing-Gymnasium jetzt Leben ein. Sie forschten in Archiven und anhand von Einzelschicksalen und Zeitzeugen über das Kriegsende in Döbeln. Ihre spannenden Ergebnisse präsentierten die Abiturienten am Montagabend. Nach dem Vorabitur am Montagmorgen und vor der Deutschklausur am Dienstag fesselten sie die gut 60 Zuhörer im Döbelner Rathaussaal mit bewegenden Geschichten zur Geschichte.

Luise und Lina etwa hatten sich die Kirche in der NS-Zeit angesehen und forschten mit Unterstützung von Helmut Bunde im Döbelner Kirchenarchiv. Hitler wollte eine evangelische Reichskirche und so gab es auch in Döbeln eine entsprechende Strömung der Deutschen Christen um Pfarrer Otto Pokojewski, die sich der Rassenideologie anpassten und in der Jacobikirche mit Duldung des Kirchenvorstandes ihre Gottesfeiern abhielten. Der Kirchenvorstand beobachtete die Deutschen Christen misstrauisch. Der andere Döbelner Pfarrer gehörte der bekennenden Kirche an. Drei weitere Pfarrer der Region zählten zur Mitte, die sich zwischen beiden Strömungen bewegte und zwischen offener Kirche, Schutz des Glaubens und Anpassung schwankte. „Ich bin heute schockiert, wie mein Glaube, damals politisch instrumentalisiert und Werte verdreht wurden“, sagt Abiturientin Lina Krause, die in ihrer Freizeit die Junge Gemeinde in Döbeln leitet.
Zwangsarbeiterbaracke steht noch im Original

Dem Thema Zwangsarbeit in Döbeln widmeten sich ihre Mitschülerinnen. Zwangsarbeiter gab es eine Menge in Döbeln in verschiedenen Kategorien. Die Schülerinnen beleuchteten das Thema anhand dreier Döbelner Unternehmen, welche Zwangsarbeiter in größerem Stil beschäftigten. Am Ende ihres Vortrages wünschten sich die Mädchen, dass an der noch im Original bestehenden Zwangsarbeiterbaracke an der Leisniger Straße in Döbeln eine Erinnerungstafel angebracht wird.

Wieviel Fanatismus und Glaube an den Endsieg kurz vor Kriegsende auch in Döbeln noch vorherrschten, zeigten die Schüler am Schicksal von Fleischermeister Albert Wünsch. Dazu hatten sie sein zugewachsenes Grab auf dem Niederfriedhof besucht und im Chemnitzer Gerichtsarchiv recherchiert. Der Großbauchlitzer war im April 1945 unerlaubt von der Front heimgekehrt und wurde vom örtlichen Polizisten Willi Baatz angezeigt. Kampfkommandant Adler ließ ihn auf dem Schießplatz in den Klostergärten wegen Wehrkraftzersetzung erschießen. Sein Verräter Willi Baatz wurde 1947 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Auch die Geschichte des mutigen Elektromeisters Herbert Näcke dokumentierten die Schüler. Der sorgte dafür, dass Döbeln kampflos und damit ohne Tote, Verletzte und Zerstörungen der Roten Armee übergeben wurde. Seine Leistung werde bis heute in Döbeln nicht gewürdigt, bedauerten die Schüler.

Echte Teamleistung - alle Schüler des Leistungskurses Geschichte beteiligten sich an der Projektpräsentation

Auch aus Interviews mit Zeitzeuginnen wie Christa Woop (Jg. 1934), Annelies Kappler (Jg. 1936) und Annie Niekrawietz (Jg. 1928) sammelten die Schüler spannende Details dieser Zeit.

Zudem bot das Schularchiv des Lessing-Gymnasiums spannende Dokumente, von denen sich die Schüler besonders einige Schicksale aus dem Abiturjahrgang 1932 auswählten. Durch Briefwechsel mit Mitschülerinnen und Dokumente ist etwa das Schicksal von Werner Feicht dokumentiert, der mit 29 Jahren an der Ostfront in der Ukraine fiel. Helmut Rosenbaum vom selben Döbelner Abiturjahrgang erlangte als Kapitänleutnant des U-Bootes 73 Berühmtheit. Als er 1943 den Flugzeugträger Igel versenkte, erhielt er das Ritterkreuz und durfte sich als Kriegsheld im Goldenen Buch der Stadt verewigen. 1944 starb Rosenbaum bei einem Flugzeugabsturz.

Sein Schulkamerad Herbert Ehnert wanderte 1930 nach Kolumbien aus und entgeht so dem Krieg, den er in seinen Briefwechseln mit Schulkameradinnen sehr kritisch betrachtet.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Thomas Sparrer
05.02.2020


Als der Krieg in Döbeln zu Ende ging

Gymnasiasten haben zum Zweiten Weltkrieg recherchiert. Sie fanden viele persönliche Schicksale.

Albert Wunsch war 36 Jahre alt, als er starb. Erschossen wurde er am 23. April 1945. Der Fleischermeister aus Kleinbauchlitz war wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges desertiert und nach Hause gekommen. In Döbeln wurde er erkannt, vom Polizeihauptwachtmeister Willi Baatz verhaftet und in die Kaserne gebracht. Ein Standgericht verurteilte ihn zum Tode. An den Schießanlagen in den Klostergärten wurde der Fahnenflüchtige erschossen und begraben. Erst einen Monat später fand er seine letzte Ruhe auf dem Niederfriedhof, wo heute noch sein Grabstein steht.
Das Schicksal des Döbelner Fleischermeisters haben Schüler des Lessing-Gymnasiums recherchiert. Wenige Wochen vor dem 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 hielten die Zwölftklässer einen Vortrag im Sitzungssaal des Rathauses.

Die Schüler des Leistungskurses Geschichte des Lessing-Gymnasiums haben zum Ende des Zweiten Weltkrieges In Döbeln recherchiert und einen Vortrag gehalten. Foto: Lutz Weidler

Die jungen Leute, die den Leistungskurs Geschichte absolvieren, bereiten sich gerade aufs Abi vor. Für ihre Recherchen zum Kriegsende waren sie auch in Archiven unterwegs und haben mit Zeitzeugen gesprochen, sagte Katrin Niekrawietz, die Tutorin des Leistungskurses.
Unterlagen zum Fall Albert Wünsch haben die Schüler im Sächsischen Staatsarchiv in Chemnitz gefunden. Hauptwachtmeister Baatz - Musiker, Berufssoldat und seit 1926 Polizist - war 1947 verurteilt worden. Für die Verhaftung und Auslieferung des Fahnenflüchtigen erhielt er wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zwei Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust.
Persönliche Schicksale verbinden sich auch mit dem Abi-Jahrgang 1932, zu dem die Zwölftklässler recherchiert haben. Von den 19 Abiturienten hatten vier den Krieg nicht überlebt, drei Schicksale sind ungeklärt Werner Feicht wurde nur 29 Jahre alt Als Zugführer der Wehrmacht erhielt er am 14. Januar 1942 in der Ukraine einen Granaten-Volltreffer. Danach war keine Bestattung mehr möglich. Bei einem Flugzeugabsturz starb im Mai 1944 Helmut Rosenbaum. Als Kommandant von U 73 torpedierte er im August 1942 den britischen Flugzeugträger HMS Eagle und wurde dafür mit dem Ritterkreuz dekoriert.

Die metallverarbeitenden Betriebe in Döbeln waren in dieser Zeit in der Rüstung eingespannt - und griffen wegen des Mangels an Arbeitskräften auch auf ausländische Zivil- und Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zurück. Die Metallwarenfirma H.W. Schmidt produzierte Minen, Gasmasken und Geschirrbehälter und beschäftigte dabei auch 95 Zwangsarbeiter und 15 französische Kriegsgefangene. Die Firma Großfuß, Entwickler und Produzent des Maschinengewehrs MG 42, hatte eine Abteilung im Zuchthaus Waldheim mit rund 500 Zwangsarbeitern, haben die Gymnasiasten herausgefunden. Auch die Firma Robert Tümmler produzierte neben ihren Beschlägen Tellerminen, Gewehrgranaten und Panzerfauste. Dafür war der Betrieb im Krieg vergrößert worden. Bei Tümmler waren von 1939 bis 1945 550 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt
Untergebracht wurden sie unter anderem im Lager an der Leisniger Straße - die Baracken stehen heute noch. Und auch in Gasthöfen wie dem in Sörmitz, wo französische Kriegsgefangene lebten.Der Krieg endete für die Döbelner am 6. Mai 1945 mit dem Einmarsch der Roten Armee. Die Stadt blieb unzerstört und galt als „Goldene Stadt". Besondere Verdienste daran hatten Herbert Näcke und Karl Krötel. Der Elektrikermeister Näcke war den Russen entgegengefahren und hatte sie überzeugen können, kampflos in die Stadt einzurücken, während Krötel den Abbau der Panzersperren organisierte. Näcke war 1952 nach einem Schlaganfall gestorben. Es sei schade, dass bis heute keine Straßen in Döbeln nach den beiden Männern benannt wurde, sagte eine Schülerin.

Das Beschäftigen mit der Geschichte wird im Lessing-Gymnasium großgeschrieben. Es gibt eine Arbeitsgemeinschaft „Geschichte der Region Döbeln", die sich vor allem mit dem Schulmuseum und dem Schularchiv beschäftigt, sagte Schulleiter Michael Höhme. Seit 1990 arbeiten Schüler auch am Projekt Jüdische Geschichte und Kultur mit, das in Zeiten von Multimedia im Internet auch mit Filmen ergänzt wird. „Wir haben pro Tag etwa 3000 Besucher auf den Seiten-, sagte Höhme. „Besonders Schüler und Studenten schätzen, dass die Texte von Schülern geschrieben wurden und leicht zu lesen sind."

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
13.02.2020