Lessing-Gymnasium Döbeln

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24.12. Chiara und ihr Avatar

Das elfjährige Mädchen ist an Leukämie erkrankt. Damit sie in der Schule nicht so viel verpasst, steht ein Roboter auf ihrem Platz.

Freitag, dritte Stunde. Die Klasse 6c des Lessing-Gymnasiums hat Geschichtsunterricht bei Katrin Niekrawietz. „Wer regierte Rom?" steht an der Wandtafel. Junis Herrmann sitzt ganz vorn in der Bankreihe. Neben ihm auf dem leeren Platz steht ein weißer Roboter. Die Augen leuchten durch das transparente Plastik, der Kopf kann die Farben wechseln. Auf der Stirn eine Kamera, im Bauch verbirgt sich ein Lautsprecher.

Hanna Engelmann hält den Avatar, der Ihre Freundin Chiara im Unterricht vertritt. Die Klasse hat sich daran gewöhnt, dass das Gerat sehen, hören und sprechen kann. An manchen Tagen Ist der Avatar bei fünf, sechs Unterrichtsstunden dabei. Fotos: Dietmar Thomas

Das vermeintliche Spielzeug hat einen ernsten Hintergrund. „Hallo Chiara" sagt die Lehrerin und beugt sich kurz zu der Maschine hinunter. „Wollt ihr alle mal Chiara winken", fragt Katrin Niekrawietz. Der Roboter macht eine Drehung um sich selbst, wie von Zauberhand bewegt.

Wenn er nicht gebraucht wird, steht der Avatar in einem grünen Plastikkorb im Sekretariat. Junis kümmert sich mit darum, dass er rechtzeitig neben ihm auf der Schulbank steht, wenn die Unterrichtsstunde beginnt.

Seit etwa einem halben Jahr leben die Schüler der 6c mit der weißen Maschine. Sie ist ein Avatar, die Vertretung für eine Mitschülerin, die an Leukämie erkrankt ist. Mittlerweile haben sich alle an den Roboter gewöhnt „Am Anfang war es ungewohnt, aber jetzt ist es normal", erzählt Hanna Engelmann, die sich um ihre Freundin kümmert und ihr die Aufgaben und Unterrichtsmaterial zukommen lässt.

Während der Geschichtsstunde sitzt Chiara Hänsel drei Kilometer entfernt in Ebersbach im Wohnzimmer ihres Elternhauses. Vor sich einen Tabletcomputer und den Geschichtshefter, in dem sie fein säuberlich überträgt, was sie auf dem Bildschirm sieht und was sie über den Lautsprecher hört. Mit einem Wischen über den Bildschirm kann sie den Kopf des Avatars neigen. Oder sie lässt ihn um sich selbst rotieren, dann kann sie sehen, was ihre Schulkameraden gerade treiben.

Auf dem Kopf trägt Chiara ein Tuch. Sie hat mehrere Zyklen einer Chemotherapie hinter sich. Die Haare wachsen gerade wieder. Im März wurde bei dem Mädchen die schlimme Diagnose gestellt. Eigentlich ganz zufällig, erzählt ihre Mutter Susanne. „Sie war mit dem Skateboard gestürzt und hatte Schmerzen an den Rippen. Damit sind wir zum Arzt gegangen." Irgendetwas stimmte mit dem Blutbild nicht. Ein Test brachte die schlimme Gewissheit: Leukämie. „Das ist wie ein Hammer vor dem Kopf“, sagte Vater Sven Hänsel.

Für die Familie bedeutete die Krankheit eine große Umstellung. Die Mutter brach eine Kur ab, die sie gerade angetreten hatte. Sie begleitete ihr Kind in die Uniklinik Leipzig, wo bereits einen Tag nach der Diagnose mit der Behandlung begonnen wurde. „In Leipzig wird darüber sehr gut aufgeklärt. Die reden nicht um den heißen Brei herum", erzählt der Vater. Vier Wochen Bangen. Schlägt die Chemotherapie an? Dann das Aufatmen. Chiara leidet an einer Form der Leukämie, die sich gut behandeln lässt

105 Tage hat das Mädchen seitdem mit Unterbrechungen im Krankenhaus verbracht. Die Mutter ist die meiste Zeit an ihrer Seite. Sie hat sich von ihrer Arbeit als Erzieherin in einer Kita freistellen lassen.

Englisch, Mathe und Deutsch wurden zwar in der Uni-Klinik unterrichtet, aber Chiara hat seit der Diagnose trotzdem viel vom Stoff verpasst. Aber sie hat dem Unterricht auch über weite Strecken folgen können. Schulleiter Michael Höhme hatte sich sehr darum bemüht, lobt der Vater. Am Anfang war ein Tablet im Unterricht aufgestellt worden, damit das Mädchen von zu Hause über Kamera und Mikro dem Unterricht folgen konnte.

Dann kam vor den Sommerferien ein Angebot. Der Verein Elternhilfe für krebskranke Kinder in Leipzig wollte den Avatar in einem Pilotprojekt ausprobieren. „Wir hatten ihn acht Wochen zur Probe. Aufgrund der guten Erfahrungen hat der Verein ihn dann angeschafft. Wir sind sehr dankbar, dass Chiara weiter am Unterricht teilnehmen kann", sagt Susanne Hänsel.

Das große Ziel: Chiara soll am Schulstoff dranbleiben, damit sie möglichst kein Schuljahr wiederholen muss. Sie hat gleich zwei Schuljahre teilweise verpasst - und sie will in ihrer Klasse bleiben. Das klappt ganz gut. An vielen Tagen kann sie an fünf, sechs Schulstunden am Tag den Unterricht von zu Hause verfolgen. „Das erfordert Disziplin von den Mitschülern, sie müssen ruhig sein. Hut ab, das funktioniert", sagt die Mutter.

Chiara geht sehr abgeklärt mit ihrer Krankheit um. Sie holt ihre Mutperlenkette, die schon zu erheblicher Länge angewachsen ist Für jeden Behandlungsschritt gibt es eine Perle. Grün-weiß-orange sind die für eine Chemotherapie. Grün ist die für eine Lumbalpunktion.

Sie blättert in einem Album mit vielen Bildern. Sie im Krankenhaus. Wie sie in einem winzig kleinen Pool sitzt, weil sie nicht in den großen kann. Ihr Großvater, der sich aus Solidarität die Haare abschneiden lässt. Und das Bild eines Hamsters. „Mama hat gesagt, dass ich wie ein Hamster aussehe", sagt Chiara und grinst. Da war sie durch die Cortison-Medikamente aufgeschwemmt.

Chiara freut sich, wieder in die Schule zu können. „Eigentlich wollte ich schon vor Weihnachten gehen", erzählt sie. Aber die Chemotherapie und eine letzte Operation, bei der der Katheder für die Chemo entfernt wurde, hatten sich verschoben. Im Januar ist es so weit. Dann wird Chiara statt des Avatars neben Junis in der ersten Reihe sitzen.

Döbelner Anzeiger
Jens Hoyer
24.12.2021