28.08. Zeitzeugengespräch

Holocaust – Schrecken auch außerhalb der Konzentrationslager
Zeitzeugengespräch: Wie Fünfjährige die Vernichtung eines Volkes erleben

Spannenden Geschichtsunterricht, wie sie ihn so schnell nicht vergessen werden, erlebten gestern Schüler des Lessing-Gymnasiums Döbeln und der Peter-Apian-Oberschule in Leisnig. Die katholische Maximilian-Kolbe-Stiftung brachte Zeitzeugen des Holocaust zu den Schülern, die ihnen ihre Geschichte erzählten. Der Namensgeber der Stiftung hatte im KZ Auschwitz die Todesstrafe anstelle eines Familienvaters übernommen, der dadurch das KZ überlebte. Die Stiftung kümmert sich in Europa um Versöhnung, hilft Opfern des Holocaust, hält mit Zeitzeugen die Erinnerung an den Holocaust wach.

Alodia Witaczek Napierala (79) wurde von Tina Händler und den Elftklässlern des Lessing-Gymnsiums sehr herzlich empfangen.

Aufmerksam folgen die Elftklässler der beiden Wahlgrundkurse Jüdische Geschichte am Lessing-Gymnasium den Worte von Alodia Witascek Napierala. Die 79-Jährige schilderte detailreich ihr Schicksal. Als sie fünf Jahre alt ist, wird ihr Vater, ein Mediziner und Wissenschaftler in Poznan, als einer der führenden Köpfe der Polnischen Heimatarmee verhaftet und mit 36 weiteren Untergrundkämpfern der Witascek-Gruppe hingerichtet. Die deutschen Besatzer verfolgen ihre Familien. Mutter und Großmutter landen in Auschwitz. Dort stirbt die Großmutter an Typhus, die Mutter überlebt. Die fünf kleinen Kinder kommen in ein Kinder-KZ im Ghetto Litzmannstadt (heute Łódz). Nach entbehrungsreichen Wochen werden Alodia und ihre zweijährige Schwester als arisch eingestuft, bekommen deutsche Namen, landen in einem Gau-Kinderheim und beim Verein Lebensborn. Von einer kinderlosen deutschen Frau aus Stendal wird sie schließlich adoptiert. Ihre leibliche Mutter setzt 1947 alles in Bewegung, ihre Kinder wiederzufinden. Als Zehnjährige kehrt sie zur Mama und den vier Geschwistern nach Polen heim. Doch die Heimat ist ihr fremd. Andere Kindern beschimpfen sie als Deutsche. 1957 besucht sie erstmals ihre Adoptivmutter in Stendal. Heute ist die studierte Biochemikerin vierfache Großmutter und seit kurzem Urgroßmutter. Sie und ihre polnische Mama hielten engen Kontakt zur deutschen Adoptivmutti.

Thomas Sparrer
DAZ vom 29.08.17

Wie ein kleines Mädchen im Krieg zu zwei Müttern kam

Fast zwei Stunden lauschen die Elftklässler gebannt der alten Dame, die in lückenhaftem Deutsch ihre Lebensgeschichte erzählt. Es gibt mittlerweile nicht mehr viele Zeitzeugen, die aus dem Krieg berichten können – und auch Aloida Witaczek-Napierala geht auf die 80 zu. Vieles, was sie den Schülern berichtet, hat sie sich selbst erzählen lassen. Sie war noch keine zwei Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen begann. Und sie war gerade fünf, als ihr Vater, ein polnischer Arzt und Wissenschaftler in Posen, als Widerständler von den Deutschen hingerichtet wurde.
Die Mutter kam ins KZ Auschwitz, drei Geschwister zu Verwandten. Aber Aloida und ihre Schwester, blond und blauäugig, waren für „arisch“ genug befunden worden, um von deutschen Familien adoptiert zu werden. Die beiden kleinen Mädchen kamen in das berüchtigte „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“ im heutigen Lódz. Wegen des Hungers und der schlimmen hygienischen Bedingungen sind dort viele Kinder gestorben, erzählt sie. Ihr und der Schwestern wurden aber nicht die Haare abgeschoren. Über das „Gau-Kinderheim“ in Kalisch kam sie nach Bad Polzin in ein Heim des „Lebensborn“. Manchmal blitzen noch Erinnerungen aus dieser Zeit auf, erzählt die Zeitzeugin. Als sie mit ihren Enkeln einen Harry-Potter-Film anschaut, erinnert sie sich an den Speisesaal im Kinderheim mit seinen hohen Gewölben – es war in einem Kloster untergebracht.
Im Lebensborn-Heim bekommt das Mädchen einen neuen Namen – aus Aloida wird Alice. Sie lernt schnell Deutsch und bekommt eine neue Mutter. Es gibt ein Foto: eine kleine dunkelhaarige Frau mit einem blonden Kind. „Mutti“, nennt Alice ihre Adoptivmutter. „Nach neun Monaten hatte ich eine neue Familie. Mutti hat mich vom ersten Tag an geliebt“, erzählt sie. Die Freundinnen in der Schule merken nicht, dass sie kein deutsches Kind ist. Selbst ihre Adoptivmutter weiß nichts von ihrer Vergangenheit.
Ihre richtige Mutter hat Auschwitz überlebt und auch den Todesmarsch ins KZ Ravensbrück. 1947 haben die Nachforschungen Erfolg. Aloida fährt nach Polen zu „Mama“ – mit einem Schild um den Hals mit ihrem polnischen Namen. „Das war nicht ich“, sagte sie. Aloida und ihre kleine Schwester müssen erst wieder polnisch lernen. Sie werden als „Deutsche“ von den Mitschülern gehänselt. Aber die Geschichte hat ein versöhnliches Ende. Nach zehn Jahren kann Aloida nach Stendal reisen – deutsch hat sie mittlerweile verlernt. Dort trifft sie „Mutti“ wieder. Die Beziehung hält bis zuletzt. Die deutsche „Mutti“ und die polnische „Mama“ haben sich über Jahre hinweg Briefe geschrieben. „Sie sind wie beste Freundinnen geworden“, sagte Aloida Witaczek-Napierala. „Ich hatte immer zwei Mütter.“

Jens Hoyer
DA 29.08.17

Aloida Witaczek-Napierala erzählt Schülern von ihrer Kindheit in Polen und Deutschland. Für das Maximilian-Kolbe-Werk reist sie als Zeitzeugin durchs Land.