Außerhalb der DDR-Norm


Borchert-Stück sorgte vor 20 Jahren für Furore

Über das „Borchert-Projekt“ wäre längst meterhohes Gras der Vergessenheit gewachsen. Gäbe es da nicht die Zwölftklässlerin Cindy Geißler. Sie wollte sich am Geschichtswettbewerb der Körber-Stiftung beteiligen. Suchte nach einem passenden Thema und stolperte dabei über das herumliegende DDR-Monatsmagazin „Neues Leben“ im Arbeitszimmer ihrer Eltern. Das widmete 1987 eine Geschichte einigen Zwölftklässlern der Erweiterten Oberschule Döbeln. Die führten außerhalb der FDJ-Organisation das Theaterstück von Wolfgang Borchert „Draußen vor der Tür“ auf. Brachten damit ein bisschen Unordnung in den damaligen geregelten DDR-Alltag.

Cindy Geißler (Mitte)

brachte die Darsteller der legendären Borchert-Aufführung nach über 20 Jahren wieder zusammen. DAZ-Foto: Heiko Stets


Cindy Geißler biss sich fest. Recherchierte, schrieb die Fakten auf, gewann damit einen Förderpreis und holte jetzt die damaligen Akteure an einen Tisch. Über 20 Jahre nach der Premiere ihres Stückes saßen sie zusammen und erinnerten sich. Erst schemenhaft. Aber je mehr Einzelheiten ausgesprochen wurden, desto schneller fügte sich das Erinnerungspuzzle.

„Ich hatte das Ganze schon fast vergessen. Immerhin ist das 20 Jahre her“, sagte Axel Schubert, der damals die Hauptrolle spielte. Einen Soldaten der aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte und auf ein Zuhause traf, in dem sich alles veränderte. Represalien gab es damals nicht. Aber Versuche, dass die Schüler ein anders Stück aufführen. Dichter aus dem sowjetischen Freundesland wurden vorgeschlagen, erinnerte Steffen Schmidtke, der damalige Regisseur, der immer noch in dieser Branche tätig ist.

Revoluzzer waren die damaligen Zwölftklässler nicht. Sie wollten vielmehr Theater machen, so Michael Höhme, der heute Lehrer am Lessinggymnasium ist. Allerdings außerhalb der FDJ-Arbeit. Das sorgte für Furore. Und dafür, dass Cindy Geißler weiter am Borchert-Projekt dran bleibt.

Döbelner Allgemeine Zeitung
Heiko Stets
26.11.2007


Initiatoren des Borchert-Projektes treffen sich


Der Abschlussjahrgang 1987 der ehemaligen Erweiterten Oberschule (EOS) Döbeln war ein spezieller. In der damaligen Schauspielgruppe versammelten sich 16 junge Abiturientinnen und Abiturienten, um ein besonderes Theaterstück auf die Beine zu stellen - das Borchert-Projekt. Am 3. August 1987 wurde es im Döbelner Theater aufgeführt. Der Saal war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das sich die Mitglieder dieser Schauspielgruppe nach nunmehr 20 Jahren zum ersten Mal wiedersehen konnten, lag insbesondere am Engagement und der Neugier einer Schülerin des Lessing-Gymnasiums. Cindy Geißler (17) besucht die zwölfte Jahrgangsstufe und ist durch Zufall auf das für die damalige Zeit brisante Stück aufmerksam geworden. „Meine Mutter Heike gehörte damals ebenfalls zu diesem Ensemble, hat mir gegenüber jedoch nie etwas davon erwähnt. Beim Stöbern auf unserem Dachboden habe ich schließlich alte Hefte darüber gefunden“, sagt Cindy Geißler. Sie begann zu forschen und setzte die Informationen „wie ein Puzzle“ zusammen, so dass sie mit diesem Projekt am Geschichtswettbewerb „Miteinander gegeneinander? - Jung und Alt in der Geschichte“ teilnehmen und einen Förderpreis abräumten konnte.

So kam es, dass sie die Protagonisten des Borchert-Projektes zu einem Treffen einlud, welches am Sonnabend in der Bibliothek des Lessing-Gymnasiums stattfand. Zwölf der 16 Mitglieder kamen, um gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen. Stefan Schmittke ist der einzige der Gruppe, der sich heute beruflich mit Theater befasst. Er hat es zum Intendanten des Theaters in Hannover gebracht..

Der Zufall gab den Ausschlag, dass die damaligen Schüler mit „Draußen vor der Tür“ ausgerechnet ein Drama eines Autors thematisierten, welcher den Krieg in seiner Grausamkeit widerspiegelt. „Es gab Bestrebungen, uns an der Aufführung dieses Stückes zu hindern. Nach einigen Zensuren ging es jedoch über die Bühne“, so Axel Schubert, der die Hauptfigur Beckmann mimte. „Vielen wäre es lieber gewesen, wir hätten ein Werk von Gorki gewählt.“

Döbelner Anzeiger
Andy Scharf
26.11.2007

Das Borchert - Projekt

  • Wolfgang Borchert war ein Schriftsteller der sogenannten Trümmerliteratur, einer kurzen Literaturepoche nach dem 2. Weltkrieg.
  • „Draußen vor der Tür“ widerspiegelt die Situation eines Kriegsheimkehrers und die damit auftretenden Probleme.
  • 16 Schülerinnen und Schüler des Abschlussjahrganges 1987 gehörten zum Ensemble.
  • Das Drama wurde einmal im Döbelner Theater und zwei Mal in der Aula der Erweiterten Oberschule in Döbeln (EOS) aufgeführt.
  • Die Theateraufführung war restlos ausverkauft.
  • Das Stück wurde in der DDR niemals im professionellen Theater aufgeführt.
  • Die Aufführung beleuchtete ebenfalls das Leben und Schaffen von Wolfgang Borchert sowie weitere literarisches Programme.
  • Die Zeitschrift „Neues Leben“ berichtete damals DDR-weit über die Inszenierung der Döbelner Pennäler.