1949: Max braucht Wasser

Schülerinnen und Schüler der zwölften Klassen folgten dem Ruf „Max braucht Wasser“ und nahmen kurz vor den Prüfungen zum Abitur zwei Wochen lang am Bau der Wasserleitung in Unterwellenborn teil.

Anfang 1949 rief die Freie Deutsche Jugend (FDJ) unter der Losung „Max braucht Wasser!" zu freiwilligen Arbeitseinsätzen auf. Ziel war, in kurzer Zeit von der Saale zur Maxhütte Unterwellenborn eine Brauchwasserleitung zu bauen, damit der vierte Hochofen in Betrieb genommen werden konnte. Roheisen wurde dringend gebraucht, weil durch die Teilung Deutschlands alle übrigen Hochöfen zur Roheisengewinnung in westdeutschen Gebieten standen. Der Aufruf richtete sich vor allem an Studenten und wurde von einem Arbeitsstab der FDJ an der Leipziger Universität organisiert und koordiniert.

Als der Aufruf in den Zeitungen erschien, entstand bei einigen Schülern unserer Klasse 12b die Idee, an diesem Arbeitseinsatz teilzunehmen. Der Sprecher unserer Klasse, Lothar Kny, und der unserer Parallelklasse 12a, Jürgen Teller, trugen gemeinsam mit dem FDJ-Sekretär Karl Seidel dem Direktor Walter Pirrenz unseren Wunsch vor. Sie erreichten aber keine Zustimmung. Die Bedenken des Direktors betrafen die bevorstehenden Prüfungen zum Abitur und die Tatsache, dass wir nichts über die Bedingungen und näheren Umstände des Einsatzes wussten.

Unsere Klasse hat daraufhin unseren Klassensprecher ohne Wissen der Schulleitung nach Leipzig geschickt, um alles zu erkunden. Das Ergebnis war positiv: Auch wir Oberschüler der 12. Klasse waren willkommen. Nun brachten wir unseren Vorschlag in der Mitgliederversammlung der SED vor. Hier muss eingefügt werden, dass zu dieser Zeit mehrere Schüler unserer Klasse Mitglieder der SED waren. Auch einige Lehrer und der Direktor waren Genossen der SED. Aber die Schüler waren in der Überzahl. Damals gab es infolge der Vereinigung von SPD und KPD zwei gleichberechtigte Vorsitzende der Grundorganisation, jeweils einen von der SPD und einen von der KPD.

In der Mitgliederversammlung, in der wir unseren Antrag über den Arbeitseinsatz in Unterwellenborn einbrachten, hatte der ehemalige SPD-Genosse Assmann, unser Lateinlehrer, die Versammlungsleitung. Das Prozedere war das der ehemaligen SPD: Antragstellung - wer spricht dafür? - wer spricht dagegen? - Abstimmung. Wir stellten unseren Antrag. Nach kurzer Diskussion die Abstimmung. Sie ergab eine klare Mehrheit für die Teilnahme unserer Klassen am Arbeitseinsatz. Natürlich beteiligten sich nicht alle Schüler. Und es waren auch nicht nur Partei- und FDJ-Mitglieder. Einige Schüler waren krank oder fühlten sich körperlich nicht in der Lage, diese schwere Arbeit zu leisten. Andere waren durch Proben zu Theateraufführungen zum Goethe-Jahr unabkömmlich. Es wurde kein Druck ausgeübt, weder für noch gegen die Teilnahme.

Ich erinnere mich, dass von den damals zwei Schülerinnen und 15 Schülern der 12b folgende elf teilnahmen: Käte Wagner, Margarethe Skarke, Lothar Kny, Gotthard Nitzsche, Siegfried Oette, Horst Schopka, Karl Seidel, Eberhard Starke, Peter Streit, Dieter Uhlig und Peter Vogel. Aus der 12a schlossen sich von neun Schülerinnen und 10 Schülern fünf an: Eva-Maria Hausmann, Christine Rosenberger, Helga Wiedemann, Joachim Schnurpfeil und Jürgen Teller.

Eine der Brigaden

vordere Reihe von links nach rechts: Margarethe Skarke, Siegfried Oette, Eberhard Starke, Lothar Kny, Käte Wagner (später Gillner), 2. reihe, 2. von links: Dieter Uhlig, Foto: privat


Am 13. März fuhren wir zunächst mit dem Personenzug nach Leipzig und von dort gemeinsam mit Studenten der Leipziger Uni per Sonderzug bis Saalfeld. Vor Ort wurden wir zusammen mit Studenten in Brigaden eingeteilt. Der Brigadier und dessen Stellvertreter waren stets Studenten. In meiner Brigade waren es Studenten der philosophischen Fakultät. In einer anderen Brigade, zu der sechs Schülerinnen und Schüler unserer Klasse gehörten waren es Studenten der Fachrichtungen Pharmazie und Gesellschaftswissenschaften.

In einem Mädchenwohnwagen

Im Vordergrund: Christine Rosenberger (später Dr. Hoffmeister), auf dem Bett links: Helga Wiedermann (später Dr. Becker), auf dem Bett rechts: Eva.Maria Hausmann (später Helm), Foto: Die Frau von heute. Organ des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands. 1949, Nr. 8 (2. Aprilheft), S. 6 und 7


Untergebracht waren wir in Güterwagen, die auf einem Gleis im Gelände der Maxhütte standen. Sie waren mit Doppelstockbetten und einem Kanonenofen ausgestattet. Wir erhielten Arbeitskleidung, insbesondere Wattejacken, zuerst Holzlatschen und ab drittem Tag Gummistiefel. Die Brigaden wurden zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt. Wir entluden Sand und Zement aus ankommenden Waggons und beluden LkWs, die zu den Baustellen fuhren. Es gab eine Zeitvorgabe, und wir wetteiferten, die Zeitvorgabe zu erreichen. Noch schwerer waren die Schachtarbeiten im Rohrgraben am „Roten Berg". Der Boden war hart, teilweise Hackfelsen. Auch die Schachtarbeiten am Einlauf des Saalewassers verlangten größte Anstrengungen.

Uns allen fiel die Arbeit sehr schwer. Wir waren schlecht ernährt und derart harte körperliche Arbeit nicht gewöhnt. Dazu kam das kalte Wetter, zwar kein Frost, aber gelegentlich Schneeschauer. Trotzdem waren unsere Stimmung und die gegenseitige Hilfsbereitschaft gut. Die Essenversorgung war nicht üppig. Wir erhielten Kochgeschirre zum Essenempfang und standen an der Essenausgabe Schlange. Kräutertee gab es aus einem riesigen Kessel.

Auf dem Weg zum Essenempfang und auch zu manchen Arbeitsplätzen kamen wir durch das Werk. Wir konnten beobachten, wie der Hochofen abgestochen wurde und wie der Kran den glutflüssigen Stahl von den Stahlöfen in riesigen Behältern über unsere Köpfe zu den im Boden eingelassenen Formen transportierte. Wir erlebten täglich diese konzentrierte, schwere Arbeit und waren sehr beeindruckt.

Beim Stiefel putzen

Im Vordergrund: Käte Wagner (später Gillner), Foto: Die Frau von heute. Organ des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands. 1949, Nr. 8 (2. Aprilheft), S. 6 und 7


Bei Erdarbeiten am Steilhang, wo später die großen Wasserrohre verlegt wurden, hatte Joachim Schnurpfeil einen Unfall. Er arbeitete mit der Spitzhacke und verletzte sich derartig am Fuß, dass er eine tiefe, blutende Schnittwunde davon trug. In der medizinischen Einrichtung der Maxhütte wurde er umgehend versorgt. Sein Fuß bekam einen großen Gipsverband, so dass er sich nur noch mit zwei Krücken bewegen konnte. Gotthard Nitzsche bekam den Auftrag, Joachim nach Hause zu begleiten. Nachdem er den verletzten Joachim dort bei den Eltern abgeliefert hatte, fuhr er in die Schule, um einen kurzen Bericht über unseren Einsatz zu geben und zu erklären, warum er plötzlich in Döbeln war. Durch ihren Mann, unseren Direktor, erfuhr Frau Kreisschulrätin Pirrenz davon und nutzte sofort die Gelegenheit, Gotthard zu der an diesem Tag stattfindenden Kreisleitungssitzung der SED mitzunehmen. Dort berichtete Gotthard als Teilnehmer der Aktion „Max braucht Wasser" den versammelten Genossen von unseren Erlebnissen. Voller Interesse und mit großem Wohlwollen wurden seine Worte aufgenommen.

Am 26. März fand in Saalfeld die Abschlussfeier für unsere Einsatzgruppen statt. Es sprach Hasso Grabner, damals Hauptdirektor der VESTA (Vereinigung volkseigener Stahlwerke), später ein bekannter Schriftsteller. Kurt Barthel, der unter dem Namen Kuba als Dichter der Max-Hütte von sich reden machte, rezitierte.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Hause und zwar bis Leipzig wieder mit einem Sonderzug, dann weiter nach Döbeln. Am 1. April 1949 wurde die 6 km lange Wasserleitung nach einer Bauzeit von nur 90 Tagen eingeweiht. Im Sommer 1949 fand in der Kongresshalle Leipzig eine große Abschlussfeier mit dem Tanzorchester Kurt Henkels statt. Dort wurden besonders aktive Teilnehmer mit Bezugsscheinen prämiert. Daran konnten nicht alle von uns teilnehmen. Viele hatten inzwischen Döbeln verlassen, weil sie ins Berufsleben eingestiegen waren oder ein Studium begonnen hatten.

Dass diese Zeit intensiver Erlebnisse bei uns bleibende Erinnerungen hinterlassen hat, kann man daran erkennen, dass wir nach nunmehr 60 Jahren noch so viele Details im Gedächtnis gespeichert haben.

Ihre Erinnerungen schrieben auf:
Dr. Christine Hoffmeister, geb. Rosenberger
Gotthard Nitzsche
Dr. Peter Streit
im Herbst 2009