Die ersten Mädchen

Else Jochen legte als erstes Mädchen ihr Abitur ab

Handarbeitsprobe

Angefertigt von Jutta Spranger während ihrer Schulzeit in der Oberschule im Jahre 1940. Das Original mt dem zugehörigen Handarbeitsheft ist im Schulmuseum zu sehen.

Döbelner Gymnasium war jahrzehntelang Domäne des männlichen Geschlechts

In der DAZ vom 19. April wurde die Direktorin des Lessing-Gymnasiums Frau Oberstudiendirektorin Margrit Heinz in einem treffenden Porträt vorgestellt. Ergänzend sei vermerkt, dass mit ihr zum ersten Mal in der Geschichte der Schule eine Frau an der Spitze dieser Bildungseinrichtung steht. Darüber hinaus ist dieser Beitrag Anlass, einmal nachzudenken und zu informieren, welche Rolle Mädchen und Frauen an dieser Schule gespielt haben.

Für viele Jahre war das Döbelner Gymnasium, wie übrigens viele andere auch in Deutschland, eine ausgesprochene Domäne des männlichen Geschlechts. So dauerte es beispielsweise bis 1914, ehe mit Else Jochen, geboren am 10. Januar 1894, das erste und für mehrere Jahre einzige Mädchen an der 1869 gegründeten Königlichen Realschule ihr Abitur ablegen konnte.

Im Jahre 1921 waren es schon drei, die den gleichen Abschluss erreichten, darunter – sicher ein Vorzug - die Tochter eines an der Schule tätigen Oberstudienrates. Bis 1926 waren es lediglich 15 Mädchen, die ihre Reifeprüfung unter gleichen Anforderungen wie die Jungen absolvierten. Danach stieg diese Zahl langsam an. 1937 lernten neben 399 Jungen aber auch nur 55 Mädchen. 1938/39 wird im Jahresbericht der Schule festgestellt, dass Mädchen in allen Klassenstufen der Oberschule eintreten dürfen, „da keine Oberschule für Mädchen in erreichbarer Nähe ist.“

Trotzdem bleibt die seit 1938 offizielle, häufig irreführende Bezeichnung „Staatliche Oberschule für Jungen“ bis 1947 bestehen. Fest angestellte Lehrerinnen gab es bis 1939 nicht. Für Mädchen bestand neben dem regulären Unterricht die Möglichkeit, bei Fräulein Charlotte Meltzer und Fräulein Czerwenka Kenntnisse und Fähigkeiten in Nadelarbeiten zu erwerben. Ab l. April 1939 bis September 1945 unterrichtete Frau Maria Götz als Mitglied des Lehrerkollegiums ebenfalls Nadelarbeiten und Haushaltungslehre.

Proben ihres Unterrichts sind durch die damalige Schülerin Jutta Spranger erhalten geblieben und zeugen, zusammen mit den noch in Sütterlinschrift verfassten Notizen, schon hier von den Fähigkeiten der späteren bekannten Roßweiner Geschäftsfrau.

Erstmals 1940 gab es eine reine Mädchenklasse mit elf Schülerinnen, nach 1945 nur noch gemischte Klassen, in denen dann später, vor allem nach der politischen Wende, genau der umgekehrte Vorgang eintrat. Jetzt waren in fast allen Abiturjahrgängen die Mädchen in der Mehrzahl (z.B. 1992: 39 Jungen, 80 Mädchen). Ähnlich sieht es in den folgenden Jahren aus.

Die gleiche Entwicklung zeigt sich bei den Lehrkräften. Während zu DDR-Zeiten fast durchgängig nur fünf bis acht Kolleginnen tätig waren, befinden sich diese seit Jahren eindeutig in der Mehrheit: Gegenwärtig unterrichten am Döbelner Gymnasium 22 Lehrer und 49 Lehrerinnen.

Herrmann Schneider
Leiter des Schulmuseums
veröffentlicht am 06.05.2003 in
Döbelner Allgemeine Zeitung
Foto: LGD