1907: Karzergeschichten

Carl Schlichthorn

Hausmeister, genannt "Der Knochen"

„Der Freiheit wird sich erst bewusst, wer mal in Karzer hat gemusst"

„Es ist wohl selbstverständlich, dass das Leben und vor allem das Lernen an Schulen einer Ordnung mit festen Regeln unterliegen muss, einer Schulordnung eben, will man die gewünschten Erfolge erzielen. Nicht immer fanden und finden jedoch diese Regehi die Zustimmung der Schüler."

Der Autor dieses Beitrages, Hermann Schneider, muss es wissen. War er doch selbst von 1949 bis 1991 Lehrer am Döbelner Gymnasium. Aus einer früheren Zeit, in der den Schülern durch viele Vorschriften und Strafen die Freude am Schulalltag genommen wurde, berichten die nachfolgenden Zeilen:

Am Königlichen Realgymnasium Döbeln existierte neben späteren Schulordnungen auch eine solche vom Jahre 1898. In 23 Paragraphen werden Festlegungen über Pflichten der Schüler und ihr Verhalten außerhalb und innerhalb der Schule aufgelistet, über die wir heute vermutlich lächeln. Einige Beispiele sollen das verdeutlichen.

  • Paragraph 9: Glaubt ein Schüler, dass ihm von Seiten eines Lehrers Unrecht geschehen ist, so hat er in der Wohnung des Lehrers, und zwar stets im Tone der Bescheidenheit, seine Rechtfertigung anzubringen.
  • Paragraph 13: Allen Schülern der unteren und mittleren Klassen, bis einschließlich Obertertia (heute Klasse 9), ist das Rauchen unbedingt verboten. Den anderen Schülern ist es gestattet unter der Voraussetzung der Erlaubnis der Eltern, jedoch weder in der Arbeitszeit noch auf den Straßen.
  • Paragraph 16: Die Beteiligung an öffentlichen Tanzvergnügen aller Art ist untersagt.
  • Paragraph 23: Mit Ausnahme der Inspektoren darf kein Schüler ohne Genehmigung eines Lehrers eine andere Klasse als die seine betreten.

Ob die Väter dieser Schulordnung im Ernst geglaubt haben, dass diese fast mittelalterlichen Vorschriften auch befolgt werden? Infolge der Nichteinhaltung dieser Regeln machte sich eine ganze Reihe von Strafen erforderlich. Man sah in ihnen lange Zeit das wirksamste Mittel, renitente oder unwillige Schüler, die sich eines Vergehens im Sinne der Schulordnung schuldig gemacht hatten, wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.

Für Vergehen der Schüler gab es als Strafen Einträge ins Klassenbuch, Benachrichtigung an die Eltern, Schläge auf die Finger oder die Beine mit dem Rohrstock (meist in den unteren Klassen), Haarzwirbeln. In wohlgeordneter Reihenfolge wird die Liste der Strafmaßnahmen aufgeführt: Verweise, Strafarbeiten, Umsetzung auf einen Strafplatz (meist isoliert oder in die erste Reihe vorn), Nachsitzen, einfache (Strafstunden) und verschärfte Karzerstrafen, Entfernung von einem Ehrenamt in der Klasse, „feierliche Androhung der Entfernung von der Anstalt" (so genannter consilium abeundi = letzter Vorhalt, das heißt: der Rat, die Lehranstalt zu verlassen), Dimission (Entlassung), Exclusion (Ausschluss).

Aus Original-Stundenplänen von 1893/94 geht hervor, dass jeder Mittwochnachmittag von 14 bis 16 Uhr für Strafstunden-Kandidaten unter Anwesenheit einer Lehrkraft frei gehalten wurde. Auch die Karzerstunden, eine oder mehrere je nach Schwere des Delikts, lagen fest und zwar meist in den Nachmittagsstunden des Sonnabends. Das traf natürlich die Arrestanten schwer.

Dem „Knochen" entgeht nichts
Das Wort Karzer kommt aus dem Lateinischen. Carcer bedeutet Kerker, Gefängnis. Die Einrichtung als solche existierte zunächst an den Universitäten schon seit dem 15. Jahrhundert (im ersten Leipziger Universitäts-inventarverzeichnis ist 1413 ein Karzer genannt. Jahre später gibt es sie in Gymnasien, meist in etwas abgelegenen Räumen der jeweiligen Gebäude, in Kellern oder Nebengelassen.

Der Unterbringungsort der Delinquenten des Döbelner Gymnasiums für Karzerstrafen hat mehrfach gewechselt. Mehrere Jahre befand er sich in einem von der Wohnung des Hausverwalters Carl Schlichthorn abgetrennten, kleinen, einfach ausgestatteten Raum im Erdgeschoss. Ein eiserner Riegel an der Tür sorgte für die sichere Verwahrung der Übeltäter. Die nutzten ihre aufgebrummte Strafzeit sehr oft dazu, Wände und Möbel mit Bildern, Gedichten und Sprüchen zu „verzieren".

Aus dem Karzerbüchlein von 1907

Dieses „Gemälde" stammt aus einem der Karzerbüchlein von 1907 und wurde von einem Schüler gezeichnet der im Schul-„Bau" seine Strafzeit absitzen musste. Das Original befindet sich im Schulmuseum.

„Für jede Stunde Karzer ist dem Hausmeister eine Schließgebühr von 25 Pfennigen zu bezahlen", heißt es in der Denkschrift der Königlich Sächsischen Höheren Landwirtschaftsschule Döbeln aus dem Jahre 1898. Die Aufgabe des Schließers hatte der von 1910 bis 1932 hier tätige Hausmeister Schlichthorn übernommen, der wegen seines energischen und drastischen Eingreifens „Der Knochen" genannt wurde. Er veranlasste auch, dass die bemalten Wände übertüncht und die künstlerischen und geistigen Ergüsse der Einsitzenden in einem Büchlein festgehalten werden sollten. Zwei solcher Büchlein sind erhalten gebheben und befinden sich im Vereinsmuseum der Schule. Die Feststellung: „Der Freiheit wird sich erst bewusst, wer mal in Karzer hat gemusst", stammt aus einem davon.

Schul-„Bau" auch für Mädchen
Alte Klassenbücher sagen aus, warum Karzerstrafen verhängt wurden: Zwei Stunden Karzer wegen Fälschens einer Unterschrift und hartnäckigen frechen Lügens. Eine Stunde wegen Schlagens eines Mitschülers mit einem Schlagring. Eine Stunde „weil er nach 3/4 11 Uhr abends mit einem Mädchen auf der Straße stand".

Die erste Schülerin, die 1929 in den Karzer musste, war Margarete M. Sie hatte einen so genannten Hausarbeitstag dazu genutzt, um im Westewitzer Bad die Hausaufgaben zu erledigen, dabei war sie erwischt worden. Den Hausarbeitstag hatte man nun einmal zu Hause zu verbringen. Ein anderer, wiederholt aufmüpfiger Schüler, der 1934 das Arrestlokal für zwei Stunden besuchen „durfte", war Karl H. Er hatte, so die Feststellung des Rektors, „absichtlich die Kleidung eines Lehrers gröblich mit Tinte beschmutzt". H. erhielt außerdem den schon zitierten „letzten Vorhalt". Der selbe Schüler hat nach der Wende durch großzügige Spenden dazu beigetragen, dass die neu aufgebaute Schulbücherei wertvolle wissenschaftliche Bücher erwerben konnte.

Gerade dieses Beispiel zeigt, dass solche Strafen meist keine bleibenden nachteiligen Auswirkungen für die Schüler gehabt haben. Karzerstrafen erschienen schon damals sehr bald als Kavaliersdelikte in einem verklärten Licht, wie die nach Heinrich Spoerls Roman gedrehte Verfilmung der „Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann treffend beweist.

Den legendären Karzer am Döbelner Gymnasium gibt es schon lange nicht mehr, was bleibt, sind Erinnerungen an Erzählungen der Großeltern oder märchenhafte Vorstellungen von längst vergangenen Zeiten...

Hermann Schneider